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Hochbegabte erkennen und fördern

Hochbegabte Kinder können anstrengend sein – aber es lohnt sich, auf sie einzugehen. 10 Tipps, wie Lehrkräfte Hochbegabte erkennen und fördern können


Hochbegabte Kinder können anstrengend sein. Ihr Wissensdurst fordert Lehrkräfte heraus – aber doch lohnt es sich, auf sie einzugehen. Die Lehrerin Meike Diehm weiß das sehr gut: An der Berliner Anna-Lindh-Schule, an der sie seit 25 Jahren unterrichtet, koordiniert sie die Begabungsförderung. Daneben führt sie Fortbildungen zu diesem Thema und ist Moderatorin der Karg-Stiftung. Wie kann man hochbegabte und potenziell leistungsstarke Kinder und Jugendliche erkennen? Was ist notwendig, um diese in der Schule optimal zu fördern? Welche Erfahrungen haben Kolleginnen und Kollegen mit hochbegabten Kindern gemacht? Um Fragen wie diese drehen sich die „Impulskreise“ der Stiftung, die Diehm regelmäßig moderiert.

Was zeichnet hochbegabte Kinder in Schulklassen aus?

Magazin SCHULE 3/2017
Wie Schulen begabte Kinder fördern – und alle Schüler davon profitieren: Diesen Schwerpunkt finden Sie im Print-Magazin SCHULE 3/2017

„Kinder mit einem hohen IQ saugen alles auf und merken sich das, was sie einmal gehört haben – wenn es sie interessiert“, erklärt Maike Diehm. „Sie können dieses neue Wissen oft sofort vernetzen und Zusammenhänge herstellen. Sie haben in der Regel ein gutes Gedächtnis und zu vielen Themen auch ein größeres Vorwissen als Gleichaltrige. Weitere Merkmale sind eine weitreichende Wahrnehmung und eine hohe Sensibilität – diese Kinder lassen sich nicht so leicht etwas vormachen. Manche beschäftigen sich zum Beispiel schon früh mit dem Thema Tod, können das aber zumeist emotional noch nicht verkraften.“

Für das Magazin Schule hat Meike Diehm aus ihrem persönlichen Schulalltag zehn Tipps für Lehrkräfte zusammengestellt. Ganz wichtig ist ihr dabei allerdings ein Gedanke: Jeder Mensch ist anders und nicht jedes Merkmal trifft auf jedes begabte Kind zu.

10 Tipps für den Unterricht:

1. Wiederholendes Lernen nur in Maßen: Hochbegabte hassen Wiederholungen und langweilen sich dann schnell. Statt sie zum Beispiel schriftliche Rechenverfahren üben zu lassen, die sie bereits beherrschen, sollte man ihnen lieber Knobelaufgaben geben oder schwierige Textaufgaben. Sie müssen aber auch lernen, dass Wiederholungen in manchen Bereichen wichtig sind.

2. Erlauben, Wissen zu zeigen: Hochbegabte brauchen Möglichkeiten, ihr Wissen auch mal präsentieren zu dürfen – zum Beispiel durch Vorträge zu selbstgewählten Themen oder eine Buchvorstellung. Viele von ihnen haben Spezialthemen, mit denen sie sich besonders auskennen. Wir nennen das an unserer Schule „Hobbythemen“. Bei denen muss man sie abholen, sonst drohen sie sich zu verweigern. Sie müssen aber auch lernen, dass ungeplante Vorträge, mit denen sie gerne herausplatzen, zeitlich nicht immer passen.

3. Erklären, warum Ordnung wichtig ist: Manchen hochbegabten Kinder ist Ordnung nicht so wichtig. Ihnen muss man vermitteln, dass auch das Äußere eine Rolle spielt und dass sie Struktur brauchen.

4. Langeweile vermeiden: Hochbegabte zeigen ihre Leistung nicht, wenn es zu einfach ist. Wenn Aufgaben in einer Klassenarbeit zu leicht sind, suchen sie die Schwierigkeit in der Aufgabenstellung, weil sie sich nicht vorstellen können, dass nur ganz einfache Zusammenhänge abgefragt werden. Sie verstehen dann die Aufgabenstellung nicht. Oder der Energielevel ihres Gehirns ist auf Grund der Einfachheit so niedrig, dass sie Flüchtigkeitsfehler machen. Wenn es zu langweilig ist, fangen sie an, sich zu verweigern. Wettbewerbe machen ihnen dagegen oft Spaß.

5. Spontan sein: Man muss damit rechnen, das die Kinder eigene Ideen einbringen. Es ist gut, wenn man dann Zeit und Lust hat, darauf einzugehen. Man sollte auch darauf vorbereitet sein, dass die Kinder ungewöhnliche Fragen stellen.

6. Das eigene Unwissen akzeptieren: Die Kinder wissen – obwohl sie noch klein sind – zu ihren Hobbythemen oft mehr als man selbst. Man sollte dann nicht so tun, als wüsste man besser Bescheid. Wenn die Kinder eine Frage stellen, die man selbst nicht beantworten kann, fragen, wer aus der Klasse zum nächsten Tag die Antwort recherchieren möchte. Vielleicht übernimmt das ja auch das fragende Kind selbst.

7. Verständnis zeigen: Problematisch wird es, wenn die Kinder schneller denken als sie zum Beispiel schreiben können. Das kann zu Frust führen und zu Aggression, gegen andere oder sich selbst, zu Depressionen bis hin zu Suizidgedanken.

8. Aktuelle Themen aufgreifen: Viele hochbegabte Kinder verfolgen tagesaktuelle Ereignisse, gucken zum Beispiel Kindernachrichtensendungen im Fernsehen. Darauf eingehen!

9. Erklären statt anordnen: Anordnungen funktionieren bei Hochbegabten noch weniger als bei anderen Kindern. Sie wollen verstehen, warum etwas nicht geht oder sie etwas nicht dürfen. Man muss ihnen aber auch erklären, dass sie nicht immer eine Erklärung einfordern können, zum Beispiel wenn sie in Gefahr sind.

10. Sich nicht selbst verrückt machen: Man kann nicht jeden in jeder Minute auf seinem Niveau abholen. Das bekommt kein Lehrer hin. Die Kinder müssen auch lernen, es auszuhalten, dass es mal langweilig für sie ist.



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