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NRW sucht seine Superschüler

Wer aus bildungsfernen und einkommensschwachen Familien stammt, schafft es seltener an die Universität. Talentscouts wie Suat Yilmaz sollen das ändern – mit Erfolg

Ausgabe 03/2015

Dieser Talentsucher sitzt in keiner Promi-Jury, und er braucht weder Glamour noch Kameralicht. Ihm genügt ein praktischer Volvo. „Ich bin wie ein Landarzt – ständig unterwegs“, lächelt Suat Yilmaz, steigt vor der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen ein und fährt los. Der 38-Jährige ist auf dem Weg zur Rosa Parks Gesamtschule im benachbarten Herten. Sein Auftrag: junge Leute mit Potenzial ausfindig machen und fördern. Der Hochschulbeamte ist – noch – der einzige festangestellte Talentscout der Republik.

Ein Wasserschloß, Bäume, Seen – in Herten scheint die Welt in Ordnung zu sein. „Die Idylle täuscht“, sagt Suat Yilmaz. Das Ruhrgebiet verzeichnet eine Arbeitslosenquote von immerhin 12 Prozent. In vielen Familien, nicht nur mit Zuwanderungshintergrund, können die Eltern selbst lediglich einen Hauptschulabschluss vorweisen. Yilmaz: „Die Zahl der Abiturienten hier ist extrem niedrig. Viele talentierte junge Menschen verzichten aufs Studium, weil ihr Umfeld das nicht hergibt.“

Herr Yilmaz hilft mir, meine Stärken herauszufinden. Das motiviert!Michelle, 17

Wer ohne die Privilegien und die Unterstützung eines bildungsstarken Backgrounds startet – wie viele Kinder des Ruhrgebiets –, hat es in Deutschland schwer. 77 Prozent aller Akademikerkinder studieren, aber nur 23 Prozent der Kinder aus nicht akademischen Familien schaffen den Sprung an die Uni. Suat Yilmaz bringt das in Rage: „Sie haben genauso viel Power wie Akademikerkinder, aber sie scheitern an mangelnder Unterstützung von zu Hause oder daran, dass das Geld fürs Studium fehlt.“ Der Sozialwissenschaftler will das ändern. Weil es ungerecht ist. Aber auch, weil den Universitäten, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen im Ruhrgebiet allmählich die Nachwuchskräfte ausgehen.

„Meine Talentförderung“, eine Initiative der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen, soll gegensteuern. Im Jahr 2011 startete die Hochschule dieses Projekt, um benachteiligte Jugendliche frühzeitig zu fördern. Suat Yilmaz wurde eigens für diese Aufgabe angeheuert. Sein Job ist es seither, an Gymnasien, Gesamtschulen und Berufskollegs im nördlichen Ruhrgebiet nach Schülern ab der neunten Klasse Ausschau zu halten, die die Fähigkeit zu einem Studium mitbringen, aber besondere Unterstützung brauchen, weil sie aus einkommensschwachen oder Nichtakademiker-Familien kommen. Diese Jugendlichen begleitet Yilmaz auf ihrem Weg über Abitur und Studium bis zum Berufseinstieg: Er berät, vermittelt Schreibseminare, Stipendien- und BAföG-Beratung oder Einstiegskurse zum Studienstart, gibt Tipps, Trost und Halt.

 

 

Sein eigener Lebenslauf macht den Talentscout zu einem überzeugenden Ratgeber: Der Sohn türkischer Gastarbeiter schaffte es zunächst aufs Gymnasium, aber der Erfolg hielt nicht an. Yilmaz landete auf der Hauptschule, wollte Elektriker werden. „Mir kam gar nicht in den Sinn, dass ich studieren könnte.“ Erst der Schulleiter erkannte sein Potenzial, förderte ihn und schickte ihn auf die Gesamtschule, wo er Abitur machte.

„Wann kommt denn der Herr Yilmaz?“ Ungeduldig löchern Oberstufenschüler ihren Lehrer Tobias Hohlmann. Der Pädagoge koordiniert die Talentförderung an der Rosa Parks Gesamtschule. Suat Yilmaz ist beliebt, er kann gut mit Jugendlichen. Es motiviert sie, dass jemand extra von der Universität kommt, um mit jedem Einzelnen über seine berufliche Zukunft zu sprechen. „Viele haben zu Hause niemanden, der sie im Zusammenhang mit einem Studienwunsch beraten könnte“, erzählt Hohlmann. „Viele wollen studieren, aber sie verlieren sich leicht in dem Wust von Informationen und geben vorzeitig auf.“

Als Suat Yilmaz um die Ecke biegt, spricht er erst mit Oberstufenschülerin Michelle, 17, dann wartet schon Alisea vor dem Beratungsraum. Die 17-Jährige macht in anderthalb Jahren Abitur, Yilmaz betreut sie seit 2011: „Ihre Noten waren durchschnittlich, aber sie wusste genau, was sie später studieren wollte: International Business. Diese Zielstrebigkeit hat mir gefallen.“

Grundsätzlich glaube ich, dass jeder Mensch Potenzial hat Sualt Yilmaz, Talentscout

Heute aber wirkt Alisea unsicher. Was erwartet sie in einem Studium? Schafft sie das? Die Eltern können ihr nicht raten: Aliseas Vater ist Bauarbeiter, die Mutter Köchin. Suat Yilmaz hört zu, fragt nach. Dann schlägt er vor, den Kontakt zu einer International-Business-Studentin herzustellen, die er kennt. Aliseas Miene hellt sich auf: „Sie hat bestimmt gute Tipps für mich.“ Ohne die Talentförderung, glaubt sie, würde ihr Weg anders verlaufen: „Es öffnen sich so viele Türen!“

Die Schülerberatung an der Gesamtschule in Herten findet einmal im Monat statt. Yilmaz liegt daran, seine Schützlinge langfristig zu begleiten: „Ich träume von einer durchgehenden Bildungskette, in der wir Schüler von der Grundschule bis zum Berufseinstieg durchgehend unterstützen, damit niemand verloren geht.“ Yilmaz nimmt an Schulkonferenzen, Elternabenden, Schülerversammlungen teil und hat eigene Räumlichkeiten: „Wir sind Teil der Schulstruktur, bleiben über Jahrzehnte – deshalb arbeiten wir nachhaltig.“ Jedes Jahr zu Beginn des Schuljahrs stellt der Talentscout sich der Oberstufe vor und fordert alle Lehrer auf, talentierte Jugendliche zu melden. Anfangs standen nur Spitzenschüler auf der Empfehlungsliste. „Aber Noten sind nicht alles.“

Yilmaz achtet auch auf andere Qualitäten: „Wenn ich erkenne, dass ein Schüler teamfähig ist, offen, motiviert, leistungsbereit oder sozial engagiert, lohnt es sich, ihn zu fördern. Grundsätzlich glauben wir, dass jeder Mensch Potenzial hat.“ Deshalb dürfen auch Jugendliche zu ihm kommen, die nicht von Lehrern empfohlen wurden. Danach entscheidet jeder, ob er die Angebote der Talentförderung wahrnehmen möchte. 80 Prozent kommen wieder. Viele kontaktieren ihren Talentscout per Facebook oder rufen an – manchmal täglich. Yilmaz ist immer erreichbar. „Diese jungen Menschen schaffen unter schwierigsten Lebensumständen ihr Abi. Ich könnte nicht mehr in den Spiegel schauen, wenn ich sie nicht unterstützte.“

Anbieten, abwarten, wertschätzen

So erkennen und fördern Eltern das Potential ihres Kindes

  • Begabungen kristallisieren sich gut heraus, wenn Kinder vielfältige Anregungen in unterschiedlichen Wissensbereichen erhalten – und
    die Zeit, alles auszutesten. Hilfreich: Bücher, Erfahrungen in der Natur sowie in handwerklichen, musischen, sportlichen Bereichen.

  • Ihr Kind zeigt keine eindeutigen Neigungen? Abwarten. Jeder junge Mensch entwickelt irgendwann ein besonderes Interesse. Allerdings: Je älter Kinder werden, umso größer wird die Gefahr, dass sie sich für bestimmte Dinge interessieren, weil sie Anerkennung suchen. Die dabei entwickelten Leistungen sind dann fremdbestimmt. In solchen Fällen muss die Selbstsicherheit des Kindes gestärkt werden, damit es eigenen Impulsen folgen kann.

  • Begabungstests bei Schulberatungsstellen und Ärzten geben zwar Hinweise darauf, welche Potenziale in einem Kind stecken, doch sie bergen auch die Gefahr der Etikettierung: „Ich kann das nicht, steht ja im Test.“ Ein Testergebnis ist nur ein einzelnes Puzzleteil im Gesamtbild.

  • Damit Kinder ihre Talente entfalten, brauchen sie das sichere Gefühl, angenommen und geschätzt zu werden – genauso, wie sie sind. Verzichten Sie auf Bewertungen, ständige Kritik, auf allzuviel gute Ratschläge und Verbesserungsvorschläge. Besser: Aufgaben anbieten, an denen Kinder wachsen und für die sie sich begeistern können. Jede Anstrengung verdient Lob und Ermutigung!

Da ist Julia, deren Werdegang Yilmaz seit der elften Klasse begleitet. Die 20-Jährige hat seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern. Als sie 18 war, zog sie aus dem Heim in eine eigene Wohnung und absolvierte ihr Abi. Mehrmals pro Woche hält Julia ihren Mentor über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden. „Ich bin manchmal so eine Art Elternersatz“, sagt Yilmaz. Jetzt, im Jurastudium, braucht Julia erneut Hilfe: Sie findet keine Wohnung und sucht einen Nebenjob. Auch um solche Probleme kümmert sich der Talentförderer – meist, indem er einfach zum Hörer greift und Bekannte an Unis aktiviert.

Für seine unkonventionelle Art wird er in Hochschulkreisen gelegentlich kritisiert. „Wo ist das Problem?“, meint Yilmaz. „Wenn ich pro Woche zehn Leuten helfe, sind es pro Monat immerhin 40.“ Der 38-Jährige sieht sich nicht als Rebell, sondern als Pragmatiker. Als er und sein Team entdeckten, dass an vielen Gesamtschulen des Ruhrgebiets in der Oberstufe kein Physikunterricht mehr stattfindet, organisierten sie in Eigenregie einen Physiklehrer, Räume an der Westfälischen Hochschule und einen Sponsor, der die Busfahrt zur Uni bezahlte. Ein Jahr später erhielten Oberstufenschüler aus vier Schulen wieder Physikunterricht – sehr wichtig auf dem Weg zu einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Studium.

Das nächste Ziel: Tausende Schüler zu erreichen. Aufgrund seiner Erfolge will NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze Yilmaz nun weitere Talentscouts zur Seite stellen. Insgesamt rund 22 Millionen Euro stellt die Landesregierung in den nächsten vier Jahren für die Talentförderung im Hochschulbereich zur Verfügung. Noch bis Ende Februar können sich interessierte Hochschulen um eine Teilnahme an dem Talentscouting-Projekt bewerben, neun Einrichtungen können bis 2017 ins Programm aufgenommen werden. Bis zu 500.000 Euro jährlich erhält jede teilnehmende Hochschule und kann mit zwei bis fünf Talentscouts rechnen. Die ersten sollen ihre Arbeit im Juli 2015 aufnehmen – dann könnte die Förderung viele tausend jungen Talenten den Weg zur Uni bahnen, frohlockt Suat Yilmaz. Momentan sind es 500, mehr ist nicht zu schaffen.

In Herten steigt Suat Yilmaz wieder in seinen Volvo. Sein Handy brummt, eine SMS: „Ich brauche Hilfe beim Ausfüllen des Stipendienantrags!“ Zurück in seinem Büro greift der Talenförderer zum Hörer, hört zu und kümmert sich.

Ausgabe 03/2015

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