Wundern & Wissen

Motivation: keinen Bock auf Schule

Es ist normal, dass Kinder manchmal keine Lust aufs Lernen haben. Wenn diese Unlust aber Dauerzustand ist, wird es schwierig. Was Experten dann raten


„Mathe kapier ich einfach nicht.“ „Die Deutschlehrerin ist doof.“ „Die Schulaufgabe war viel zu schwierig.“ „Ich hab echt keinen Bock heute!“ Keine Motivation, keinen Bock auf Schule – so geht es wohl fast jedem Kind manchmal. Vielleicht ist die Lehrerin wirklich gerade nicht die Netteste. Oder der Stoff ist tatsächlich zu schnell durchgepaukt worden, und der Nachwuchs kam nicht mit. Manche Schüler haben auch einfach kein Interesse an Gedichtanalysen. Gerade in der Pubertät haben Kinder sowieso andere Prioritäten: Freunde, Musik, Computerspiele – die Schule rangiert da oft auf den hinteren oder gar hintersten Plätzen. „Für was soll ich Terme lernen? Das brauche ich nie wieder“, motzt der 13-jährige Hannes regelmäßig bei seinen Mathehausaufgaben.

Es macht mich wahnsinnig, dass ich meinen Sohn ständig antreiben mussKerstin, Mutter eines 14-Jährigen

Wenn Kinder ab und an keine Lust auf Schule haben, ist das nicht so schlimm. Wenn sie aber gar nicht mehr motiviert sind, im Unterricht nicht mehr mitmachen und sich nur noch um die Hausaufgaben drücken, dann wird es schwierig, und meist gibt es dann Streit in der Familie. „Es macht mich wahnsinnig, dass ich meinen Sohn ständig antreiben muss“, sagt Kerstin. Der 14-Jährige vergisst regelmäßig Hefte in der Schule, verpasst Abgabetermine und lernt nur, wenn man ihn mehrmals auffordert, immer wieder ermahnt oder gar mit Strafen wie Handy­entzug droht.

Von solchen Drohungen halten Experten wie der ­Motivationsforscher Thomas Martens nichts.“ Wenn ein Kind noch ein Mindestmaß an Motivation hat, dann kann eine Belohnung einen zusätzlichen Motivationsschub geben“, sagt der Professor für Pädagogische Psychologie an der Medical School Hamburg. „Aber grundsätzlich ist das System Belohnung oder Strafe keine gute Idee. Denn man muss dieses System die ganze Zeit aufrechterhalten. Das ist für alle Beteiligten wahnsinnig anstrengend. Und man muss sich klar sein: Wenn das System Belohnung und Bestrafung wegfällt, dann ist auch das erzeugte Lernverhalten wieder weg.“

In der Pubertät brauchen Kinder ­manchmal Pfeffer

Doch die Jugendlichen an der langen Leine zu lassen, ist auch keine Lösung. „In der Pubertät brauchen Kinder manchmal ein bisschen Pfeffer, damit sie in der Schule durchkommen, bis die kritischen Jahre vorbei sind“, sagt Diplom-Pädagoge Detlef Träbert vom Schulberatungsservice „Schubs“. Da heißt es konsequent sein. Klare Elternansagen sind gefragt: „Um die Hausaufgaben kommst du nicht rum. Zuerst musst du deine Pflichten erledigen, dann kannst du deine Freunde treffen.“

Wie sollen Kinder Eigenverantwortung lernen, wenn Eltern Leistung durch Strafmaßnahmen erzwingen wollen?Detlef Träbert vom Schulberatungsservice „Schubs“

Reagiert ein Kind darauf nicht, sollten Eltern ihrem Nachwuchs mögliche Konsequenzen aufzeigen. Nach dem Motto: „Wenn ich im Beruf meine Pflichten vernachlässige, werde ich abgemahnt, ­bekomme eine Gehaltskürzung oder werde sogar entlassen. Wenn du ­deine Pflichten vernachlässigst, wirst du auch Konsequenzen erleben. Und zwar schlechte Noten, Nachsitzen, einen Verweis, oder du bleibst sogar sitzen.“ Kein Kind wolle eine Sechs schreiben oder aus dem Klassenverband gerissen werden – deshalb seien diese Konsequenzen schon Strafe genug. Zusatzdenkzettel wie Handy- oder Computerverbot lehnt Träbert aber wie sein Kollege Martens ab: „Wie sollen Kinder Eigenverantwortung lernen, wenn Eltern da noch mehr erzwingen wollen durch elter­liche Strafmaßnahmen?“

Aber hinter Lernunlust kann auch etwas ganz anderes stecken. Manchmal verstehen Kinder den Stoff einfach nicht und sind frustriert. Da hilft es zu sagen: „Was sollst du denn ­machen? Was genau verstehst du nicht?“ Oft kommt das Kind durch Erklären des Problems oder genaues ­Lesen selbst auf die Lösung. In einigen Fällen muss man eine Beispielauf­gabe zusammen durchrechnen, und das Kind kann danach selbstständig weitermachen. Falls nicht, ist ein Hinweis an die Lehrkraft gut, dass das Kind die Hausaufgabe nicht konnte. Träbert sagt dazu: „Wenn statt des Kindes die Eltern die Hausaufgaben machen, bekommt der Lehrer ja keine objek­tive Rückmeldung, wo das Kind steht.“

Das Kind trägt die Verantwortung für die Schule

Manchmal haben Kinder auch einfach keine Lust, sich anzustrengen. Diese Null-Bock-Haltung kann sich verstärken, wenn die Eltern falsch darauf reagieren. „Wenn sich Mama oder Papa sofort dazusetzen, dem Kind die Denkarbeit abnehmen, Aufgaben vorlesen oder vielleicht sogar die Aufgaben machen, dann wird das Kind diese Verhaltensweise immer häufiger praktizieren“, so Träbert, der lange Jahre als Grund- und Hauptschullehrer unterrichtet hat. Hausaufgaben seien die Verantwortung der Kinder, betont Träbert, nicht der Eltern.

Kinder müssen es schaffen, die Schulinhalte zu ihren eigenen Lerninhalten zu machenMotivationsforscher Thomas Martens

„Kinder müssen es schaffen, die Schulinhalte zu ihren eigenen Lerninhalten zu machen“, betont auch Motivationsforscher Martens. Für hartnäckige Fälle hat er einen Tipp: „Manchmal muss man die Uhr auch auf null zurücksetzen. Es kann zum Beispiel helfen, ein völlig unbelastetes Lern­thema zu suchen. Das Kind soll sich ein Thema aussuchen, das es wirklich interessiert. Wichtig ist, dass das Kind eine optimale Lernumgebung hat. Es sollte klare Lernziele bekommen, die in kleinen Schritten zu einem schnellen Lernerfolg führen. Dazu braucht das Kind immer wieder inhaltliches Feedback: ‚Dies hast du gut gemacht, dort hakt es noch.‘ So kann die Freude am Lernen neu geweckt werden.“

Grundsätzlich sollten Mama und Papa aber den Überblick behalten, was in der Schule ansteht. Möglich sind zum Beispiel Hausaufgaben­konferenzen zwischen Kindern und Eltern: Das Kind zeigt ein- bis ­zweimal pro Woche, was es in der Schule macht, was gut gelaufen ist oder wo es Probleme gibt. Träberts Rat: „Setzen Sie sich mit den Kindern zusammen, hören Sie zu und reden Sie in Ruhe über Probleme.“ Aber falls die „Null Bock auf nichts“-Haltung bleibt, ­sollten Eltern nicht davor ­zurückschrecken, Hilfe zu suchen: beim Lehrer, beim Schulpsychologen oder auch bei Schul- und Erziehungsberatungsstellen.



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