Müssen Lehrer nett sein? – Magazin SCHULE
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Müssen Lehrer nett sein? Etwas anderes ist wichtiger

Klar mögen Schülerinnen und Schüler es, wenn ihre Lehrkräfte nett sind. Aber das allein hilft wenig, wenn den Pädagogen die richtige Denkweise fehlt


Wenn man Schülerinnen und Schüler fragt, was eine gute Lehrkraft ausmacht, steht ein Wort ganz sicher auf der Liste: nett. Wer möchte schon von einem muffeligen Griesgram unterrichtet werden? Mit einer freundlichen, positiven Person vorne am Pult macht das Lernen gleich viel mehr Spaß. Sind also nur nette Lehrer gute Lehrer?

Nette Lehrer sind gut – aber etwas anderes ist wichtiger

Nein, hat eine Studie der Washington State University ergeben, die im Fachjournal „Motivation Sciences“ erschienen ist. Viel wichtiger als ein warmherziges Autreten ist für die jungen Leute, dass die Lehrkraft ihnen das Gefühl vermittelt, ihr Lernziel erreichen zu können – und sei es durch harte Arbeit.

Lernende wünschen sich ein ‚Growth Mindset‘ hinter dem Pult

Dieses „Growth Mindset“, also eine „wachstumsorientiere Denkweise“, ist ein beliebter Begriff der Psychologie. Er kennzeichnet allgemein den Glauben eines Menschen daran, die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten durch Anstrengung und Übung erweitern zu können – was eine wichtige Grundlage für effektives Lernen ist. Dass Kinder und Jugendliche mit so einer Einstellung besser lernen, liegt also nahe und ist schon in anderen Studien gezeigt worden. Dass sich die Lernenden selbst aber auch auf der anderen Seite des Klassenzimmers ein „Growth Mindset“ wünschen, war unbekannt.

Diese Lücke haben nun die amerikanischen Forschenden geschlossen. Für ihre Studie legten sie einigen Hundert College-Schülerinnen und -Schülern Beschreibungen von angeblichen Statistik-Lehrkräften vor. Diese wurden darin mal als warmherzig und freundlich, mal als kühl und fordernd beschrieben. Unabhängig davon gab es zwei Szenarien: In dem wachstumsorientierten Szenario erklärte die Lehrkraft, dass „jeder Schüler den Stoff lernen kann“, wenn er hart arbeitet, aus Fehlern lernt und bei Bedarf Hilfe in Anspruch nimmt. In dem mit fixer Denkweise hingegen behauptete die Lehrkraft, dass einige Lernende eine „natürliche Begabung für Statistik“ hätten, während andere Schwierigkeiten haben könnten, weil sie eben kein „Statistikmensch“ seien. Die Teilnehmenden an dem Experiment beantworteten anschließend diverse Fragen, etwa nach ihrer Meinung zu der Lehrkraft oder dazu, wie gut sie in dem betreffenden Kurs wohl abschneiden würden.

Lieber keine netten Schubladen-Lehrer

Das Ergebnis war deutlich: Die Schülerinnen und Schüler reagierten am positivsten auf eine warmherzige Lehrkraft, die eine wachstumsorientierte Denkweise zeigte. Aber eine kühle Lehrkraft, die ihnen Chancen aufzeigt, war ihnen immer noch lieber als eine warmherzige mit Schubladendenken, also einem fixem Mindset.

Es reicht nicht aus, einfach nur nett zu sein

„Es reicht nicht aus, einfach nur nett zu sein“, sagt die Hauptautorin der Studie, Makita White von der Washington State University. „Wenn Lehrkräfte ein wärmeres Verhalten zeigen, hat das eine gute Wirkung. Aber es ist viel besser, den Schülern eine wachstumsorientierte Denkweise zu vermitteln als eine fixe“.

Schon zuvor konnte die Arbeitsgruppe, in der Whites Studie entstand, zeigen, dass Lehrkräfte mit einem „Growth Mindset“ positiv auf die Leistungen benachteiligter Gruppen von Lernenden einwirken. Zum Beispiel fanden die Forschenden heraus, dass Lehrkräfte mit einer fixen Denkweise die Leistung von Frauen in MINT-Kursen untergraben.

Wer nur die Denkweise der Lernenden betrachtet, schiebt ihnen die Schuld zu

Es hilft also wenig, dass Lehrer nur nett sind: Wenn sie zugleich in Schubladen denken, bremsen sie den Lernfortschritt ihrer Klassen aus – und zwar gerade vor denen, die Fortschritt besonders nötig haben. Für die Leiterin von Whites Arbeitsgruppe, die Psychologin Elizabeth Canning, ist diese Erkenntnis besonders deshalb wichtig, weil sich die Forschung bisher auf die Denkweise der Lernenden selbst beschränkt habe. Das aber „kann dazu führen, dass man den Schülerinnen und Schülern die Schuld gibt, wenn sie nicht gut abschneiden,“ so Canning: falsches Mindset, schlechte Leistung, so ist das halt.

„Indem wir uns ansehen, wie sich die Einstellung der Lehrkräfte und die Kultur auf die Schüler auswirken, können wir den Schülern selbst etwas von der Last abnehmen“, erklärt die Psychologin weiter: „Stattdessen können wir uns mehr darauf konzentrieren, wie wir das Umfeld motivierend und förderlich gestalten können, so dass jeder in dieser Klasse erfolgreich sein kann.“

„Müssen Lehrer nett sein? Etwas anderes ist wichtiger“ – Foto: Freepik



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