Keine Streber: Guten Schüler sind beliebt! - Magazin SCHULE
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Von wegen Streber: Gute Noten machen beliebt!

Entwarnung für die Eifrigen: Wer in der Schule gute Noten schreibt, muss sich nicht vor Ausgrenzung fürchten. Eine Studie beweist sogar das Gegenteil


Ein verbreitetes Klischee besagt, dass besonders eifrige Schülerinnen und Schüler in der sozialen Hierarchie ihrer Schulklasse nicht unbedingt weit oben stehen. Viele Lernende vermeiden sogar, gute Schulleistungen zu zeigen, um nicht als „Streber“ abgestempelt zu werden. Doch eine aktuelle Studie der Universität Tübingen stellt dieses Stereotyp auf den Kopf: Ganz im Gegenteil sind offenbar Jugendliche, die gute Noten schreiben, in der Regel auch bei ihren Klassenkameraden besonders beliebt.

Gute Schüler werden häufiger um Hilfe gebeten

„Die Beziehung zwischen Leistung und sozialer Integration ist insgesamt positiv“, schreiben die Autorinnen und Autoren der Studie, die von der Psychologin Claudia Neuendorf geleitet wurde. Sie untersuchten dafür Daten aus dem IQB-Bildungstrend von etwa 45.000 Schülerinnen und Schülern der neunten Jahrgangsstufe in Deutschland. Das Ergebnis: Jugendliche, die gute Schulleistungen erbrachten, waren in der Regel besser in ihre Klassen integriert als solche, die schlechter abgeschnitten hatten. Sie wurden auch wesentlich häufiger von ihren Mitschülern um Hilfe gebeten als leistungsschwächere – was einerseits logisch ist, andererseits aber sehr deutlich dem klischeehaften Bild vom Streber als Einzelgänger widerspricht. Am deutlichsten ausgeprägt waren diese Beobachtungen übrigens bei jenen Jungen und Mädchen, die in mehreren Fächern gut sind.

Noch einen weiteren Aspekt des Streber-Klischees haben sich die Forschenden vorgenommen: Stimmt es denn, dass Mädchen eher gemieden werden, wenn sie besonders gut in „Jungs-Fächern“ wie Mathe und Naturwissenschaften sind? Und Jungen, wenn sie „Mädchen-Fächer“ wie Deutsch oder Fremdsprachen performen? Auch hier ist die Antwort: nein. „Viele leistungsstarke Kinder sind sehr gut sozial integriert, unabhängig davon, ob ihre Leistungen vermeintlich genderkonform oder non-konform sind“, erklärt die Studienleiterin Neuendorf.

Auch in anderen Ländern sich gute Schüler beliebt

Gute Schülerinnen und Schüler sind also beliebt. Bleibt die Frage, warum Jugendliche mit guten schulischen Leistungen überhaupt als isolierte Streber verdächtigt werden, wenn sie doch eigentlich prima integriert sind. Die Universität Tübingen verweist dazu auf eine „häufig klischeehafte Darstellung in den Medien“. Das klingt etwas dünn. Jedenfalls scheint das Phänomen ziemlich deutsch zu sein: Dass Englische etwa kennt keine Entsprechung für das Wort „Streber“. Dort sprechen sie vielleicht von einem nerd, wenn jemand technik-affin und tatsächlich etwas isoliert ist – aber immer auch etwas respektvoll, denn Vorsicht, da könnte der nächste Bill Gates sitzen. Schlimmer wäre das englische teacher’s pet, der schleimige Lehrerliebling. Aber der ist eher doof als klug.

Franzosen büffeln sogar in den Sommerferien

In Frankreich büffeln Jugendliche sogar in den Sommerferien, um nicht alles wieder zu vergessen, und nach dem Abi geht es in die arbeitsintensiven classes préparatoires, um fürs Studium an einer der begehrten grand écoles aufgenommen zu werden. China, Japan oder gar Singapur sind ohnehin berüchtigt für ihren büffelnden Nachwuchs. Auch in anderen Ländern fehlt das Klischee, nur in der Schweiz glauben manche, dass ähnlich schlimm ist.

Möglicherweise ist das Streber-Klischee ja ein Zeichen des urdeutschen Neids auf alle, die es besser haben (oder machen) als man selbst? Nur bei den eigenen Freunden ist das ok, deswegen sind die keine Streber. Oder das Stereotyp stammt noch aus Zeiten, in denen Deutschland (und die Schweiz) eher kollektivistische Gesellschaften waren und das Herausragen Einzelner unerwünscht war. Heute wären Streber dann eine Art Phantom: Jeder weiß davon, aber keiner kennt mehr einen. Möglich aber auch, dass die Forschenden nach dem falschen Zusammenhang gesucht haben: Vielleicht werden Kinder und Jugendliche gar nicht Streber genannt, weil sie so herausragend gut sind – sondern um sie zu mobben. Aber das ist ein anderes Problem.



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