Serie "Bildungsfern? Bildungs-anders!" – Kollektivismus
Denken & Diskutieren

„Mach du das für mich!“: die Krux mit dem Kollektivismus

Selbstständigkeit und Eigenverantwortung sind in unserer Gesellschaft wichtige Tugenden. Sie werden in der Schule erwartet und gefördert. Doch viele Kinder sind aus ihren Familien völlig anderes gewohnt. Das kann zu Frust und Überforderung führen – auf allen Seiten


Eltern können so fordernd sein! Manche glauben sehr genau zu wissen, was Aufgabe der Lehrkraft oder der Schule zu sein hat. Selbst aber ergreifen sie kaum die Initiative, sie übernehmen keine Verantwortung, und wenn es am Ende Schwierigkeiten gibt, verlassen sie sich ganz selbstverständlich darauf, dass ihnen schon jemand helfen wird. Richtig unverschämt – oder?

Eylem Emir kennt solche Klagen ihrer pädagogischen Kolleginnen und Kollegen. Oft geht es dabei um Familien mit Migrationsgeschichte. Auch ist ihr das fordernde Verhalten der Eltern bekannt, aber sie weiß, dass dahinter nicht unbedingt Dreistigkeit steckt – sondern meist ein kulturelles Missverständnis: „Wenn für viele dieser Menschen etwas eine Last ist, wenn sie etwas nicht können, dann erwarten sie, dass jemand anderes die Aufgabe übernimmt. Das ist normal für sie. Das hat etwas mit der kollektivistischen Kultur zu tun, aus der sie kommen.“

Was Kollektivismus für Kinder bedeutet

Die Soziologie unterscheidet individualistische und kollektivistische Kulturen. Individualismus ist dabei gekennzeichnet von Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Diese Kultur des Zusammenlebens ist in Deutschland vorherrschend.

Serien "Bildungsfern? Bildungs-anders!" – Magazin SCHULE
Bildungsfern? Bildungs-anders!
In dieser Serie berichten Lehrerin Heidemarie Brosche und Erzieherin Eylem Emir von ihren Erfahrungen an einer Brennpunktschule. Viele ihrer Schülerinnen und Schüler haben Wurzeln in anderen Kulturen, viele Familien sind finanziell und sozial benachteiligt, viele Eltern haben selbst nur eine geringe formale Bildung. Wie sieht der Alltag in den Familien aus? Wie wirkt er sich auf den Schulalltag aus? Und was können Lehrkräfte machen, um ihre Schülerinnen und Schüler zu fördern? Das analysieren Emir und Brosche in der zwölfteiligen Serie. Hier geht es zur Übersicht.

In kollektivistischen Gesellschaften hingegen steht die Gruppe im Vordergrund, nicht das Individuum. Egal, ob es dabei um eine Familie, einen Stamm oder ein ganzes Volk geht: Die einzelnen Mitglieder verstehen sich als Teil einer Gemeinschaft, in der alle loyal zueinander halten und sich gegenseitig unterstützen. Gleichzeitig hält man sich aber auch die gemeinsamen Regeln und unterwirft sich einer oft strikten Hierarchie, in der Kinder sehr weit unten stehen.

Nun sind Familien mit Migrationsgeschichte natürlich nicht alle gleich. Sie unterscheiden sich unter anderem darin, aus welcher Gegend der Welt sie stammen, welchen sozialen Status sie in ihrer Heimat hatten, wie viel und welche Bildung sie erhalten haben und und welche Traditionen sie mitbringen. Sehr viele kommen in Deutschland gut zurecht. Aber immer wieder stehen Lehrkräfte in den Schulen auch vor ähnlichen Problemen, die mit dem kulturellen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler zu tun haben – davon handeln die Artikel dieser Serie.

Und ein Großteil der Migranten und Geflüchteten, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind, stammt tatsächlich aus kollektivistisch geprägten Ländern. Ausgeprägter Individualismus ist ihnen fremd – und das hat in der Schule große Auwirkungen.

Das gilt für kollektivistische Kulturen:

  • Menschen werden in Großfamilien oder in andere „Wir-Gruppen“ hineingeboren. Das „Ich“ spielt dort keine große Rolle, sondern vor allem das „Wir“. Deshalb sammeln die Kinder viele Wir-Erfahrungen und kaum oder keine Ich-Erfahrungen.
  • Man beschützt sich gegenseitig und erhält im Gegenzug Treue. Auch wenn die eigene Gruppe oder Familie im Unrecht ist, setzt man sich für sie ein und nimmt sie in Schutz. Meinungen sind durch die Zugehörigkeit zur Gruppe vorherbestimmt.
  • Man teilt miteinander, z. B. auch finanzielle Mittel.
  • So lernen die Kinder von klein auf, in der „Wir“-Form zu denken.
  • Gemeinsame Interessen sind wichtiger als die Interessen einzelner Personen.
  • Harmonie und Einigkeit in der Gruppe und der Gesellschaft sind angestrebte Ziele. Wenn einzelne Personen damit unglücklich sind, spielt das keine Rolle.
  • Das Privatleben wird daher von der Gruppe beherrscht. Das Konzept der Privatsphäre ist völlig fremd.
  • Das Ziel der Erziehung und Bildung ist zu lernen, wie man etwas macht, und nicht, wie man lernt.

Das gilt für individualistische Kulturen:

  • Jeder Mensch wird in dem Bewusstsein groß, sich nur um seine eigene Kernfamilie und um sich selbst kümmern zu müssen.
  • So lernen die Kinder, in der „Ich“-Form zu denken.
  • Durch Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung sammeln Kinder sehr viele „Ich-Erfahrungen“
  • Die Interessen einzelner Personen sind wichtiger als gemeinsame Interessen.
  • Jedem Mensch steht das Recht auf seine Privatsphäre zu.
  • Ein angestrebtes Ziel ist die individuelle Selbstverwirklichung.
  • Jeder darf nicht nur, sondern soll auch seine eigene Meinung haben.
  • Das Ziel der Erziehung und Bildung ist es, zu lernen, wie man lernt.

Ob eine Gesellschaft eher kollektivistisch auf einem Wir-Gefühl mit starkem Netzwerk aufgebaut ist oder individualistisch auf Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, hat einen großen Einfluss auf ihre Normen und Werte. Zwar trägt auch unsere Gesellschaft Merkmale aus beiden Systemen: In manchen Milieus, etwa in Dorf- oder Glaubensgemeinschaften, kann das Wir-Empfinden sogar noch sehr groß sein. Gerade die Großstädte, in denen der überwiegende Teil der Menschen mit ausländischen Wurzeln lebt, sind aber deutlich individualistisch geprägt. Und auch insgesamt herrscht bei uns ein Konsens, der den einzelnen Menschen in den Vordergrund stellt.


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Selbstkompetenz und Ich-Erfahrungen haben zentrale Bedeutungen

Zu dieser individualistischen Kultur gehört zum Beispiel, dass wir unsere Kinder zur Mündigkeit erziehen möchten. Deren Fundament besteht aus drei Faktoren: Selbstkompetenz, Sozialkompetenz und Sachkompetenz. Mindestens eine dieser Fähigkeiten ist bei manchen Kindern aus kollektivistischen Kulturen jedoch schwach ausgeprägt: die Selbstkompetenz. Diese ist in solchen Gemeinschaften schlicht nicht erwünscht, um das System aufrechtzuerhalten.

"Ach so!" - Der Podcast für mehr interkulturelles Verständnis - Magazin SCHULE
Ach so! – Der Podcast für mehr interkulturelles Verständnis: In diesem Podcast erklären Heidemarie Brosche und Eylem Emir die Inhalte der Serie „Bildungsfern? Bildungs-anders“ im Gespräch mit Moderatorin Marion Buk-Kluger. Hier reinhören

Zur Selbstkompetenz gehören jedoch einige Fähigkeiten, die in den Schulen hierzulande vorausgesetzt werden. Zuverlässigkeit und Verantwortlichkeit zum Beispiel erwarten Lehrkräfte jeden Tag aufs Neue bei schulischen Arbeitsaufträgen und bei den Hausaufgaben. Vielen Kindern mangelt es auch an der ebenfalls zur Selbstkompetenz gehörenden Entscheidungsfähigkeit. Sie brauchen endlos lange, um sich in den banalsten Angelegenheiten zu entscheiden. Sie sind es nicht gewohnt, Entscheidungen zu fällen.

Den Kindern mangelt es an allem, was mit „Selbst-“ beginnt

Eylem Emir skizziert, was das bedeutet: „Viele Kinder aus kollektivistischen Kulturen lernen all die Dinge nicht, die mit ‚Selbst‘ beginnen. Dazu gehören zum Beispiel Selbstvertrauen, Selbstständigkeit und Selbsttätigkeit. Um diese Fähigkeiten zu erlangen, bräuchten die Kinder Gelegenheiten, sie zu üben. Aber diese Gelegenheiten werden ihnen nicht geboten.“

Der Grund dafür ist Emir zufolge neben dem Erhalt des kollektivistischen Systems das Bild, das solche Kulturen von einem Kind haben: „Kinder werden nicht als gleichberechtigt angesehen. Ein Erwachsener aus einer kollektivistischen Kultur erwartet von einem Kind keine Zuverlässigkeit und keine Verantwortlichkeit, weil es ja nur ein Kind ist. Wenn das Kind größer wird, bekommt es allmählich Pflichten, aber seine Eigeninitiative ist weiterhin nicht erwünscht. Wenn ältere Geschwister zum Beispiel auf die Kleinen aufpassen sollen, haben sie zwar Aufgaben und übernehmen Verantwortung. Aber es wird genau vorgegeben, was sie dürfen und was nicht, wo sie Verantwortung tragen können und wo nicht.“

Migration, Bildungsferne und Kollektivismus – Magazin SCHULE
„Das ist nicht fair!“: eine Migrantin erzählt
Eine Mutter richtet sich an Eylem Emir. In ihrer Heimat war ihr Leben stark kollektivistisch geprägt. Hier in Deutschland hat sie nun mit ihren beiden Kinder große Sorgen: Das eine Kind spricht kaum, das andere kann in der zweiten Klasse immer noch fast nicht lesen. Im Gespräch mit Emir bricht es förmlich aus der Mutter heraus: „In Deutschland ist es für eine Mutter schon viel, wenn sie in die Arbeit gehen und sich auch noch um die Kinder kümmern muss. Aber ich muss in die Arbeit gehen, muss meine Schwiegermutter, die sehr viel wiegt, pflegen und waschen, wo die Deutschen sagen würden: ‚Ab ins Altenheim!‘ Dann muss ich noch unsere Wohnung jederzeit top in Ordnung halten, damit die Leute aus unserer Großfamilie nicht schlecht über uns reden. Und noch dies und noch das, weil für unsere Männer ja nur Frauen den Haushalt machen können … Die deutschen Mütter haben anscheinend nur die eigene Familie, keine Schwiegerleute, keine große Familie und nicht viel Besuch – sie haben jedenfalls Zeit für ihre Kinder. Und was ist bei mir? Der ganze Stress kommt am Ende bei den Kindern raus. Das ist nicht fair! Ich hätte mein Leben auch lieber so, wie die Deutschen es haben …“

 

In dem Sinne herrscht in den Familien eine gesteuerte Verantwortungsübernahme, und so wird die Entscheidungsfähigkeit kaum trainiert. Insgesamt bestimmen die Eltern, in welchen Bereichen ein Kind Selbstkompetenz entwickeln kann – und das passt eben oft nicht zu den Erwartungen der Schule. Emir: „Die Eltern leben ihren Kindern Selbstständigkeit auch nicht vor. Sie sind es selbst gewohnt, bei Bedarf Hilfe aus der Gruppe zu erhalten. Für sie ist das selbstverständlich. Sie sind aber auch gewohnt, sich für andere Zeit und Kraft zu nehmen. Der andere ist dabei immer wichtiger als man selbst, das ist eine ständige Gegenseitigkeit. Die Deutschen hingegen bitten höchstens einmal um Hilfe, und auch dies nicht allzu oft. Was man hier selbst machen kann, macht man selbst. Man möchte keine Last sein.“

Manche kommen einfach nicht auf die Idee, Sachen selbst in die Hand zu nehmen

Zu Beginn des Schuljahres wurden die Eltern an Emirs Schule gebeten, die Schulbücher ihrer Kinder einzubinden. Die Klassenlehrerin erklärte, wie das geht, und auch Emir zeigte es den Müttern noch einmal. Eine Mutter meldete sich: „Ich kann das nicht.“ Die Klassenlehrerin zeigte es ihr erneut. Doch die Mutter bat Emir: „Mach du es für mich!“ Emir: „Die Lehrerin und ich machten ihr sehr deutlich, dass sie das Einbinden selbst lernen muss. Schließlich habe ich das dann noch einmal gemeinsam mit ihr gemacht, bis sie es konnte und auch den deutschen Begriff ‚Buch einbinden‘ verstand. Diese Mutter ruft mich sehr oft an. In ihr steckt die Gewohnheit: Ich hole mir die Hilfe, wenn ich etwas nicht gut kann. Sie kommt einfach nicht auf die Idee, die Sachen langsam selber in die Hand zu nehmen. Sie ist von ihrer kollektivistischen Kultur noch immer stark geprägt.“

 

Impulse von Lehrkraft zu Lehrkraft

Egal, ob wir uns die Haare raufen oder Kinder und Eltern beschwören, auf unsere Linie umzuschwenken: Es ist nicht so leicht, etwas, was so tief sitzt, über den Haufen zu reden.

  • Der erste Schritt kann unser Verständnis sein, indem wir nicht mehr hadern: Dieser Schüler ist total unzuverlässig! Oder: Die sind alle total unzuverlässig! Sondern indem wir zunächst einmal wertfrei feststellen: Diese Kinder sind anders, weil sie es anders gelernt haben.
  • Aus dieser veränderten Haltung heraus können wir anders mit dem umgehen, was sich uns als Problem darstellt.
  • Und wir können uns denken: Möglicherweise funktioniert das mit der Veränderung nur von Generation zu Generation. Vielleicht werden wir jetzt keinen Fortschritt sehen, aber unsere Kinder werden es erleben, dass sich etwas zum Guten verändert. Damit dies aber möglich wird, müssen wir jetzt anfangen, mit diesen Kindern und Eltern zu arbeiten. Wir tragen hier eine gesellschaftliche Verantwortung für die nächste Generation.

 

 

Über die Autorinnen

Eylem Emir und Heidemarie Brosche – Serie "Bldungsfern? Bildungs-anders" – Magazin SCHULE
Eylem Emir (links) ist Erzieherin an einer Grund- und Mittelschule in einem Brennpunktviertel. Zudem ist sie zertifizierte interkulturelle Trainerin und engagiert sich als ehrenamtliche „Stadtteilmutter“ des Deutschen Kinderschutzbundes Augsburg e.V. zu Bildungs- und Erziehungsthemen für Eltern. Emir ist Türkin mit arabischer Abstammung und 1998 im Alter von 20 Jahren nach Deutschland gezogen.
Die Pädagogin und Autorin Heidemarie Brosche hat seit 1977 an Grund- und Hauptschulen unterrichtet sowie zahlreiche Sach- und Kinder- und Jugendbücher verfasst. Für ihr Engagement für Leseförderung und Bildungsgerechtigkeit wurde sie 2020 mit dem „Volkacher Taler“ der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur geehrt. www.h-brosche.de

 

Dieser Artikel ist Teil der Serie „Bildungsfern? Bildungs-anders! Eine Übersicht aller weiteren Artikel finden Sie hier. Illustrationen: Ariane Dick Bellosillo/Magazin SCHULE



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