Denken & Diskutieren

Knigge-Kurs für Kinder: zum Davonlaufen!

Was soll ein Knigge-Kurs für Kinder vermitteln? Anstand, Höflichkeit und gute Tischsitten – das jedenfalls erwartete unsere Autorin von einem Training. Tatsächlich war der Vormittag lehrreich. Aber ganz anders als gedacht


Uuups! Jetzt hat ein verrutschtes Schnitzel eine ganze Ladung Pommes vom Teller gefegt. Der Blondschopf, dem das Malheur passiert ist, greift beherzt in das Kartoffelstäbchen-Mikado und befördert das Essen zurück an Ort und Stelle. Die Kursleiterin hat’s nicht gemerkt. Sie hilft gerade einem anderen Kind beim Fleischzerteilen. Mit jeweils sieben Messerschnitten wird das Schnitzel geschnippelt. Genau sieben!

Willkommen im Knigge-Kurs für Kinder! Zwölf Mädchen und Jungen haben sich an einem Samstagvormittag vor Corona im Hinterzimmer eines Cafés eingefunden. In gut drei Stunden sollen sie lernen, sich zu benehmen. Schwierig. Noch dazu, wenn es so abläuft wie hier. Die Kursleiterin kommt gleich mal zehn Minuten zu spät – immerhin hat sie angerufen – und rauscht ohne Erklärung oder gar Entschuldigung an den wartenden Eltern vorbei. Kein gutes Benehmen! Zu Beginn weist sie die kleinen Teilnehmer darauf hin, dass sie ausnahmsweise zwölf statt zehn Kinder aufgenommen habe. Begründung: „Ihr seid viele Mädchen, die sind immer lieb.“ Dann will sie wissen: „Wer von euch ist freiwillig hier? Wurdet ihr gezwungen?“ Und ein Dialog mit einem Kind: „Magst du Wasser?“ – „Nein.“ – „Ich gieß dir trotzdem was ein. Trinken ist wichtig.“

Im Knigge-Kurs für Kinder ist Essen wichtig. Viel Essen …

Hektisch peitscht die „zertifizierte Knigge-Trainerin“ eine überladene Themenliste durch: Wozu überhaupt gutes Benehmen? Wer war Knigge? Begrüßungsregeln. Zauberwörter wie danke und bitte. Verhalten in der Öffentlichkeit. Tischdecken. Benehmen beim Essen. Die Kinder sitzen die meiste Zeit um einen großen Holztisch und füllen Arbeitsblätter aus. Als Belohnung  – „immer wenn ihr lieb seid“ – gibt die Leiterin mehrmals einen Korb mit Süßigkeiten herum, in einem Kurs, der mit einem dreigängigen Mittagessen endet. Am Ende ist eine mittelgroße Plastiktüte, die auf dem Tisch liegt, randvoll mit Gummibärchen- und Schokowaffel-Verpackungsmüll. Die Kinder nehmen es ­locker. Sie haben Spaß und Schokolade, und das Schnitzel wird schon noch reinpassen.

In Amerika essen sie wie die Schweinchen. What!?

Als ein Junge erzählt, welche Haushaltsjobs er daheim übernimmt – laut Kursleiterin wichtig, um den Eltern Respekt und Dankbarkeit zu zeigen! –, kommentiert Frau Knigge: „Seht mal, der junge Mann hängt Wäsche auf. Den kann man hinterher gut heiraten.“ Zum Thema Essen meint sie: „Ihr wart ja schon alle in Amerika? Da essen sie wie die Schweinchen.“ What!? Dazu kommt ein wenig Hintergrund à la: Gutes Benehmen in der Familie ist wichtig, damit sich alle lieb haben und die Eltern sich nicht schämen. Oder: Kein Kind kann etwas dafür, wenn es wenig Geld oder eine Brille hat; es ist ja trotzdem wertvoll und verdient Respekt. In der Pause hüpfen die Mini-Knigges auf dem Gehsteig herum. Auf dem Weg an der Küche vorbei zur Toilette bekommen die Gäste den Eindruck, dass es in puncto Sauberkeit in dem Café recht abenteuerlich zugeht.

Nicht einmal das mit den Nudeln klappt

Beim Essen wird der Knigge-Kurs für Kinder dann richtig praktisch. Da dürfen die Mädchen und Jungen zeigen, wie ihrer Meinung nach das Besteck richtig liegt. Die Trainerin korrigiert die Sitzhaltung mit einer Stoffkatze zwischen Kinderbauch und Tischkante – leider ohne zu erklären, was es mit dem Tier auf sich hat. Und führt vor, wie man die Nudeln aufwickelt, die dann allerdings unter Anleitung auch mal direkt vom Löffel gefuttert werden.

Adolph Freiherr Knigge würde sich unter seiner Grabplatte umdrehen, wenn er das hier mitbekäme

Alles in allem: Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge würde sich vermutlich unter seiner Grabplatte im Bremer Dom umdrehen, wenn er mitbekäme, was hier in seinem Namen verzapft wird und wie das geschieht. Dem Freiherrn, der vor 230 Jahren sein Buch „Über den Umgang mit Menschen“ veröffentlichte, ging es vor allem um eine bestimmte Haltung, da­rum, wie man gut mit anderen zurechtkommt und sich dabei selbst treu bleibt. Das zu lernen und einzuüben ist zunächst mal Aufgabe der Familie. Ein Kurs kann eine schöne Ergänzung sein. Aber nur wenn Form und Inhalt passen. Und vor allem wenn die Person, die ihn leitet, selbst den guten Stil verkörpert, den sie lehren will.



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