Lesen & Leben

Von der Waldorfschule ins Gymnasium

Kann das funktionieren? Schülerin Rebekka wagte den Wechsel in der elften Klasse: "Ich will zeigen was ich kann!" Jetzt steht sie kurz vor dem Abitur – und zieht Bilanz


Rebekka weiß, was sie will. Gerade ist es ein Cappuccino mit reichlich Milchschaum. Doch zum Interviewtermin in einem Café ist die 18-Jährige gekommen, weil sie in ihrem Leben schon weitreichendere Entscheidungen getroffen hat. Zum Beispiel am 28. Juni 2013: Da stellt sich die Schülerin vor ihre Klasse in der Waldorfschule und erklärt, dass sie nächste Woche nicht wiederkommen wird. „Ich will aufs Gymnasium gehen und dort mein Abitur machen“, sagt sie, und auf einmal ist es totenstill im Klassenzimmer. „Die waren richtig geschockt“, erinnert sie sich, „keiner hätte das erwartet, weil ich immer so gern dort zur Schule gegangen bin.“

Doch zu jener Zeit hat sich etwas verändert. Immer öfter kommt das Mädchen mit dem Gefühl nach Hause, nichts gelernt zu haben. Im Unterricht langweilt sie sich, vor allem in Mathe geht ihr alles zu langsam. In der zehnten Klasse verbringt sie vier Monate zum Schüleraustausch in Chicago. An der amerikanischen Waldorfschule nimmt sie an einem Mathekurs für Fortgeschrittene teil. Auf einmal muss sie sich anstrengen – und hat Spaß. Zurück in Deutschland, schlägt sie ihrer Klasse vor, das Konzept zu übernehmen. Doch der Gedanke, Kurse bereits in der zehnten Klasse nach Leistungsniveau zu trennen, stößt bei Lehrern und Mitschülern auf Unverständnis. „Ich habe die Waldorfschule geliebt und dort viel gelernt“, sagt Rebekka, „aber in diesem Moment wurde mir klar: Ich muss da weg. Ich will gefordert werden und zeigen, was ich kann.“

Ein verständlicher Wunsch, meint Stefan Drewes vom Berufsverband Deutscher Psychologen. „Wenn es um schulische Herausforderungen geht, ist die öffentliche Diskussion von Schlagwörtern wie Leistungsdruck, Prüfungs- und Versagensangst geprägt“, so der Schulpsychologe. „Dabei wird oft vergessen, dass es auch Schüler gibt, die Spaß daran haben, Leistung zu zeigen, Ziele zu erreichen, und die Noten als Ansporn sehen.“ Rebekkas Beispiel findet er trotzdem ungewöhnlich: „Eine solche Entscheidung erfordert Mut. Sie muss ein sehr neugieriges, offenes und ehrgeiziges Mädchen sein.“

Es wird oft vergessen, dass es auch Schüler gibt, die Spaß daran haben, Leistung zu zeigen und Ziele zu erreichenStefan Drewes, Schulpsychologe

Rebekka lacht, als sie von dieser Einschätzung hört. „Ich habe schon immer meine eigenen Entscheidungen getroffen“, sagt sie, „aber besonders ehrgeizig bin ich eigentlich nicht. Deshalb wollte ich auch mehr Druck, ich bin dann einfach besser.“ Am Anfang aber bringt sie der Druck an ihre Grenzen. Nicht nur, weil ihr der Abschied von der alten Klassengemeinschaft schwerfällt. Sondern auch, weil sie auf einmal richtig büffeln muss. Um direkt in die Oberstufe wechseln zu können, muss sie die zehnte Klasse der Regelschule im Schnelldurchlauf bestehen. Das bedeutet: 14 Prüfungen in der letzten Woche der Sommerferien. Acht Wochen hat sie Zeit, um in allen Fächern fit zu werden. Ihre Lehrbücher füllen zwei große Einkaufstüten, die Eltern engagieren zur Unterstützung einen Nachhilfelehrer. Sie sind erstaunt über die Entscheidung ihrer Tochter, unterstützen sie aber. Und beruhigen sie: „Du kannst jederzeit zurück, wenn es dir zu viel wird.“

Rebekka kramt ihr Smartphone aus der Tasche, sucht ein Bild aus jener Zeit heraus. „So sah mein Schreibtisch aus“, sagt sie und schiebt das Telefon über den Tisch. Zu sehen sind riesige Bücherstapel und Unmengen bunter Post-its. „Ich musste erst mal lernen, wie man lernt – bisher hatte alles immer einfach so geklappt“, sagt sie. „Manchmal war ich schon ziemlich verzweifelt.“ Die Kommentare mancher Lehrer halfen da auch nicht weiter. „Du bist auf dem Stand meiner Sechstklässler“, sagt einer zu ihr. Und eine andere rät: „Besorg dir nicht nur die Bücher aus der zehnten Klasse, sondern auch die der drei Klassen davor.“ Doch Rebekka lässt sich nicht entmutigen. Jeden Morgen steht sie um halb acht auf und setzt sich über ihre Bücher. „Keiner hat wirklich geglaubt, dass ich das schaffe. Aber ich wollte mir das selbst beweisen.“

„Leistungserwartungen können positive Auswirkungen haben, wenn Ziele genau richtig gesteckt werden“, sagt Schulpsychologe Drewes. „Das bedeutet, dass sie erreichbar sind, man sich dafür aber anstrengen muss. Gelingt das, entsteht Motivation.“ Entscheidend dafür sei letztlich nicht die Schulart, sondern das gesamte soziale und schulische Umfeld. „Die Erwartungshaltung von Eltern, Lehrern und Gesellschaft spielt ebenso eine Rolle wie der Charakter des Schülers und der Umgang mit Misserfolg.“

Rebekka hatte ihr Ziel stets vor Augen. In der letzten Woche der Sommerferien wird es für sie ernst, die Prüfungen beginnen. Die zehnte Klasse des Gymnasiums besteht sie binnen einer Woche mit einem Notendurchschnitt von 2,8 – damit kann sie direkt in die Oberstufe wechseln. Es gefällt ihr gut, sie findet schnell Freunde. Dass sie von der Waldorfschule kommt, ist bald kein Thema mehr. Trotzdem gibt es Umstellungsschwierigkeiten: Den Zeitdruck bei schriftlichen Tests ist sie nicht gewohnt, bei Aufsätzen soll sie sich auf einmal an feste Strukturen halten, statt kreativ zu schreiben, und die gängige Praxis des Abfragens einzelner Schüler am Anfang einer Stunde ist für sie ein Schock. Zum ersten Mal im Leben spürt Rebekka einen Anflug von Prüfungsangst. „Aber man gewöhnt sich daran, und es tut gut, gefordert zu werden.“ In Deutsch – an der Waldorfschule eines ihrer besten Fächer – tut sie sich noch immer schwer, auch Geschichte läuft noch nicht rund. Sonst kommt sie gut zurecht, besonders Mathe bereitet ihr viel Spaß.

Bis zur Mittelstufe war die Waldorfschule perfekt. Sie bietet Raum, zu lernen und sich zu entwickeln. Aber jetzt tut es gut, gefordert zu werdenRebekka, 18, jetzt Oberstufenschülerin

Mit ihren neuen Mitschülern tauschen wollen würde sie trotzdem nicht. „Wir plagen uns seit Jahren hier, du musst nur zwei Jahre durchstehen“, sagen die manchmal. Rebekka kann das gut verstehen. „Ich bin sehr dankbar für meine Zeit auf der Waldorfschule – für die Grundschule und die Mittelstufe ist das meiner Meinung nach das perfekte Schulkonzept und bietet Raum, zu lernen und sich zu entwickeln.“ Die Unterschiede seien durchaus spürbar: Kaum einer ihrer neuen Mitschüler spielt ein Instrument oder hat ein richtiges Hobby. Und alle jammern ständig über die knappe Freizeit.

Rebekka hingegen ist in einer Welt aufgewachsen, in der Kreativität und Persönlichkeitsentwicklung groß geschrieben wurden. In der Lehrer begleitet und nicht bewertet haben. Und in der es Raum und Zeit gab, sich auszuprobieren. Seit sie eine staatliche Schule besucht, weiß sie, was das wert ist. „Ich musste zum Beispiel das Geigespielen aufgeben, weil die Zeit dafür zu knapp ist.“ Für sie ist deshalb klar: Mehr als zwei Jahre würde sie nicht aufs Gymnasium gehen wollen.

So aber bereut sie die Entscheidung nicht. Mittlerweile steht sie kurz vor dem Abitur, wird es mit einem Einserschnitt bestehen. Danach? „Ich weiß noch nicht genau. Zwischen Opernsängerin, Mathelehrerin und Neurowissenschaftlerin kann ich mir eigentlich alles vorstellen.“ An Rebekkas alter Schule verfolgt man ihren Werdegang gespannt. Übel nimmt man ihr den Wechsel dort nicht. Cornelia Herrmann, Rebekkas ehemalige Lehrerin, sagt dazu: „Es ist das Ziel der Waldorfpädagogik, junge Menschen zur Eigenständigkeit zu erziehen. Bei Rebekka ist uns das offenbar gut gelungen.“



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