Eine Jugendliche hat Kopfhörer auf uns blickt auf einen Bildschirm – Berufsorientierung im KI-Zeitalter – Magazin SCHULE
Gastbeitrag

Berufsorientierung im KI-Zeitalter: Wie können wir junge Menschen vorbereiten?

Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt derzeit rasant. Umso schwieriger ist es, Jugendliche darauf vorzubereiten. Wie kann Berufsorientierung trotzdem gelingen? Indem wir nicht die Technologie, sondern die Handlungsfähigkeit der jungen Menschen in den Vordergrund stellen, meint Magazin-SCHULE-Gastautor Jens Nachtwei


Wer junge Menschen auf die Berufswelt vorbereiten möchte, steht derzeit vor einer völlig neuen Aufgabe. Denn die Tätigkeiten im Arbeitsalltag verändern sich durch Künstliche Intelligenz gravierend. Was brauchen Jugendliche, um in einem solchen Umfeld bestehen zu können? Lange lautete die Antwort: mehr Programmierkenntnisse und Datenkompetenz. Doch es ist nicht die Aufgabe von Berufsorientierung, Jugendliche möglichst reibungslos an technische Systeme anzupassen. Entscheidend ist, ob sie neuen Technologien gegenüber handlungsfähig bleiben.

Jens Nachwei - Magazin SCHULE
Jens Nachtwei forscht und lehrt seit 2006 an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie seit 2012 an der Hochschule für angewandtes Management in den Bereichen Ingenieur- und Organisationspsychologie. Er verfasst seine Texte via VERB×A (www.verbxa.info)

Damit das gelingen kann, müssen junge Menschen können, wissen, wollen und dürfen. Erst das Zusammenspiel aus allen vier Elementen erhöht die Chance auf erfüllende Arbeit.

1. Können: Urteilskraft statt Bedienkompetenz

An erster Stelle steht die Fähigkeit, selbst zu denken. In einer von KI geprägten Berufswelt sollten Jugendliche analysieren, argumentieren, Wahrscheinlichkeiten einschätzen, Perspektiven wechseln und unter Unsicherheit entscheiden können. Dazu gehören Quellenkritik, systemisches Denken, die Prüfung von Modellen und die Bereitschaft, eigene Überzeugungen zu revidieren. Auch wenn eine KI noch so elegant formuliert, dürfen sie Plausibilität nicht mit Wahrheit verwechseln.

Junge Menschen sollten mit KI arbeiten können, ohne das Denken an sie abzugeben

Junge Menschen sollten mit KI arbeiten können, ohne das Denken an sie abzugeben. KI kann Werkzeug und Denkstütze sein. Entscheidend ist, zu wissen: Wann sollte ich Aufgaben übertragen, wann zusammenarbeiten und wann bewusst nicht delegieren, weil mein eigenes Denken und Lernen, meine Kreativität oder Verantwortung gerade zum Zweck der Aktivität gehören? Wer Schreiben, Rechnen, Analysieren oder Entscheiden zu früh auslagert, riskiert Kompetenzverlust. Ohne eigene Fachkompetenz lässt sich auch KI nicht kompetent überwachen.

Ebenso wichtig bleiben Empathie, Kooperation, Konfliktfähigkeit, Selbstwahrnehmung und Emotionsregulation. Je mehr Standardisierbares automatisiert wird, desto wichtiger werden Tätigkeiten, bei denen Beziehung Teil des Zwecks ist. Auch Aufmerksamkeit wird zur Zukunftskompetenz. Jugendliche sollten sich konzentrieren, experimentieren, Fehler suchen, Dinge reparieren und reale Probleme lösen.

2. Wissen: KI entzaubern und die Welt verstehen

Arbeit mit KI bedeutet allerdings mehr als Werkzeugwissen. Jugendliche sollten verstehen, dass KI Muster verarbeitet, aber weder Bewusstsein noch moralische Verantwortung besitzt. Ihre flüssige Sprache ist kein Beweis dafür, dass sie etwas versteht. Dass etwas technisch machbar ist, bedeutet nicht, dass es auch legitim ist. Daten sind auch nicht neutral. Modelle und Kennzahlen enthalten Annahmen, Interessen und historische Verzerrungen.

Wer KI verstehen will, muss auch Macht verstehen

Wer KI verstehen will, muss auch Macht verstehen: Wem gehören Daten und Infrastrukturen? Wer definiert Kennzahlen, und wer profitiert? Auch die materielle Seite der KI-Wirtschaft sollten mündige Menschen kennen. Rechenzentren brauchen Energie und Wasser, Hardware globale Lieferketten, digitale Dienste oft unsichtbare menschliche Arbeit. Eigenes Wissen bleibt daher unverzichtbar. Nur wer über Fach- und Weltwissen, Sprache, Mathematik, historische Orientierung und praktische Erfahrung verfügt, kann KI-Inhalte einordnen. Information ist noch kein Wissen und ersetzt Verstehen nicht.

3. Wollen: Eigene Zwecke entwickeln

Fertigkeiten, Fähigkeiten und Wissen reichen jedoch nicht, wenn Jugendliche keine Maßstäbe entwickeln, wofür sie diese überhaupt einsetzen möchten. Der Gegenentwurf zur automatisierten Anpassung lautet Selbstbestimmung: Junge Menschen sollten sich als Gestalter ihres Lebens begreifen und nicht nur fragen, was Systeme oder Arbeitsmärkte erwarten.

Erfüllende Arbeit entsteht nicht allein durch Einkommen oder Status

Dazu gehören innere Motivation und Meisterschaft: Wirklich gute Leistungen erbringen Menschen dann, wenn sie etwas gut machen möchten, weil die Sache für sie selbst Bedeutung hat. Erfüllende Arbeit entsteht nicht allein durch Einkommen oder Status, sondern dadurch, in etwas besser zu werden, das einem wichtig ist und anderen nützt. Sinn, Gemeinwohl, Fürsorge und Verantwortung für kommende Generationen gehören in jede moderne Berufsorientierung. Echte Beziehungen, Kooperation und Solidarität bleiben wichtig.

Letztendlich sollten Jugendliche ihre eigene Stimme entwickeln, statt sich an standardisierte Profile und ihren Social-Media-Feed anzupassen. Nicht alles Optimierbare muss maximiert werden. „Gut genug“, Muße, Zeitwohlstand, Spiel und zweckfreie Tätigkeit sind Gegenmittel gegen permanente Steigerung. Ein gutes Leben ist kein Optimierungsproblem.

4. Dürfen: Autonomie braucht Rechte

Ein großer Unterschied zwischen der künftigen Arbeitswelt und den altbekannten Modellen liegt im Dürfen: Schule und Gesellschaft müssen reale Spielräume bieten. Jugendliche müssen Fehler machen, zweifeln, langsam lernen und ausprobieren dürfen, ohne dass jeder Schritt vermessen und gespeichert wird. Entwicklung braucht unbeobachtete Räume, freies Spiel, Zeiten ohne digitale Geräte, Privatsphäre und Schutz vor Profilbildung sowie gerechten Zugang zu Bildung und Technologie.

Es muss legitim bleiben, offline zu sein

Wenn algorithmische Systeme über Bildungswege, Leistungen oder berufliche Chancen entscheiden, braucht es verständliche Begründungen, wirksame Einspruchsmöglichkeiten und menschliche Letztentscheidungen. Hinzu kommen Schutz vor emotionaler Manipulation und ein Recht auf Nicht-Automatisierung. Jugendliche sollten durch KI simulierte Empathie nicht mit Beziehung verwechseln und nicht jede Tätigkeit an digitale Assistenten delegieren. Es muss legitim bleiben, offline zu sein, ohne KI zu arbeiten und Entscheidungen bewusst menschlich zu halten.

Cover eBook "Zukunft der Arbeit an der Zukunft"
Kostenfreies eBook zur Orientierung in der Arbeitswelt: In ihrem E-Book „Zukunft der Arbeit an der Zukunft“ haben die Herausgeber Jens und Katharina Nachtwei 155 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft zu zentralen Fragen zur Zukunft der Arbeit befragt. Das Werk ist das vielfältigste seiner Art in DACH und Teil einer Reihe am Institut für Psychologie der Humboldt-Universität zu Berlin. www.zukunftarbeitzukunft.de

Was die vier Elemente einer Arbeitswelt mit KI für die Berufsorientierung an Schulen bedeuten

Aus all dem ergibt sich ein einfaches Modell. Können bedeutet Handlungsmacht: Kann ich selbst denken, lernen, entscheiden, kooperieren und KI sinnvoll einsetzen? Wissen bedeutet Orientierung: Verstehe ich genug von Technik, Welt und Gesellschaft, um urteilen zu können? Wollen bedeutet Richtung: Habe ich eigene Werte, Ziele und Interessen? Dürfen bedeutet Verfügungsmacht: Kann ich nach meinem Urteil handeln, Nein sagen und Alternativen wählen? Diese Dimensionen sind nicht austauschbar. Wer kritisch denken kann, aber Entscheidungen nicht anfechten darf, bleibt ohnmächtig. Wer viel weiß, aber keine eigenen Ziele hat, bleibt fremdgesteuert. Wer selbstbestimmt sein will, aber keine Kompetenzen aufbaut, bleibt abhängig.

Schulische Berufsorientierung darf sich daher nicht auf Berufsbilder, Bewerbungen oder vermeintlich zukunftssichere Kompetenzen beschränken. Sie sollte Jugendlichen helfen herauszufinden, was sie können, verstehen und wollen und unter welchen Bedingungen sie arbeiten möchten. Zugleich sollte sie vermitteln, dass gute Arbeit Mitgestaltung und Grenzen braucht.

Junge Menschen sollten nicht lernen, Maschinen ähnlich zu werden.

Sie müssen ihnen gegenüber handlungsfähig bleiben: Sie müssen selbst etwas können, wissen, wollen und dürfen. Die wichtigste Aufgabe schulischer Berufsorientierung ist deshalb nicht, vorherzusagen, welche Berufe künftig noch existieren. Sie sollte etwas Dauerhafteres mitgeben: die Fähigkeit und den Willen, immer wieder neu zu entscheiden, welche Arbeit zu einem passt, welchen technischen Hilfen man vertraut, welchen man widerspricht und was man auch in einer automatisierten Arbeitswelt nicht aus der Hand geben möchte.

„Berufsorientierung im KI-Zeitalter“ – Fotos: DC Studio auf Magnific; Privat

 



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