Dreimal hat meine Sitznachbarin ihrem neunjährigen Sohn jetzt gesagt, er solle beim Essen still sitzen. Wir sind auf einem Schulfest, und um uns herum tobt der Wahnsinn. Rennende Kinder, fliegende Bälle, dazwischen Eltern, Geschwisterkinder, Lehrer. Ein heilloses Tohuwabohu. Und mittendrin der Sohn mit bockiger Miene vor einem Haufen Käsespieße und Minibrötchen. Angeschleppt von Mutti.
„Ich will aber auch spielen“, mault der Sohn, doch die Mutter knurrt: „Wenn du jetzt nicht isst, gehen wir SOFORT nach Hause.“ Das klingt „sofort“ wie ein voldemortsches Zischen. Aber ich weiß genau: Sie meint es nicht ernst. Niemand geht wegen verschmähten Käsewürfeln vom Schulfest. Die Sache wird spannend: Kommt sie mit ihrer Nummer durch?
Konsequent sein ist die Königsdisziplin des Elternseins
Konsequenz gilt als die Königsdisziplin im Elternsein. Ratgeber zum Thema können ganze Bibliotheken füllen. Wer es draufhat, kann sich der Anerkennung sicher sein. Der Traum von folgsamen Kindern, die verständnisvoll nickend auf Einwände der Eltern eingehen, hält sich hartnäckig. „Natürlich, Vater, du hast recht. Wenn ich mein Zimmer jetzt nicht aufräume, kann ich nachher nicht spielen gehen. Ich sehe es genauso wie du!“
Klar: Das ist Unfug. Mit den Droh-Erpressungs-Druckmach-Sätzen ganzer Elterngenerationen könnte man im Nu ein eigenes Bullshit-Bingo basteln. Wer nicht ganz neben der Spur ist, möchte sich eigentlich schon selbst an den Kopf fassen, wenn wieder so ein Drohsatz von den Lippen perlt, als gäbe es die gerade im Sonderangebot: „Was rede ich da eigentlich? Das glaubt mir doch kein Dreijähriger!“
Das Thema Konsequenz ist eine Geschichte voller Missverständnisse
Treffende Selbstanalyse, denn es stimmt: Das Thema Konsequenzen ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Wer seine Hausaufgaben nicht macht, darf nicht fernsehen. Wer zu spät kommt, muss das Klo putzen. Wer das Fahrrad geschrottet hat, bekommt kein Taschengeld mehr. Bei der Erfindung von Konsequenzen scheint bei vielen Eltern das Zufallsprinzip zu walten. Man wählt eben das, was dem Kind gerade am meisten wehtut. Und dann gilt das Prinzip Hoffnung: Reicht der Druck, um eine Veränderung zu bewirken?
Für den Moment vielleicht. Auf der Langstrecke fallen Eltern ziemlich oft ihren eigenen Erwartungen zum Opfer. Natürlich geht man nicht wieder nach Hause, wenn man gerade angekommen ist, oder fährt allein, wenn das Kind beim Anziehen trödelt. Bei keinem anderen Erziehungsversuch wird heißer gekocht als gegessen. Und die Kinder? Durchleuchten uns wie Röntgenstrahlen. „Jaja, Mama! Is klar, Papa!“ Und übrig bleibt ein kleines Erziehungs-Einmaleins für frustrierte Eltern: Böser Blick plus Drohung ist nicht gleich Konsequenz.
Elterliche Konsequenz sollte vor allem ein sein: Klarheit
Was aber sind Konsequenzen nun eigentlich genau? Bei Wikipedia sind sie als „eine – oft zwingende, mindestens jedoch mögliche – Folgerung“ definiert. Und weiter: „Wenn A der Fall ist, dann muss oder wird vermutlich oder kann B der Fall sein.“ Das klingt irgendwie vage, aber wir kommen der Sache damit näher. Konsequenz ist im optimalen Fall das, was natürlicherweise folgt. Wer nicht isst, bekommt Hunger. Wer trödelt, kommt zu spät. Wer sein Fahrrad gegen die Wand fährt, muss zu Fuß gehen. Die Aufgabe für Eltern lautet also, Kausalzusammenhänge zu erkennen, bevor erzieherische Maßnahmen ergriffen werden.
Susanne Blüthgen, Familiencoach aus Bremen erklärt: „Kinder müssen verstehen können, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt.“ Die Einsicht fördere vielleicht nicht sofort ein Einlenken, schaffe aber einen Blick für die Hintergründe. Statt einen stupiden Drohsatz an den Kopf geworfen zu bekommen, erfährt das Kind: „Meine Eltern denken sich auch was dabei. Ihre Forderung ergibt Sinn, auch wenn sie für mich unbequem ist.“
Eltern müssen authentisch sein, dann nehmen ihre Kinder sie auch ernst
Blüthgen wehrt sich sowieso gegen das Wort Konsequenz, es klinge so streng und so formal. „Ich spreche lieber von Klarheit. Eltern müssen authentisch sein, dann nehmen ihre Kinder sie auch ernst.“ Eine authentische Erziehung bestünde darin, die Dinge plausibel zu erklären, anstatt sie einfach nur sklavisch einzufordern. Und die eigenen Bedürfnisse anschaulich zu präsentieren. „Und natürlich auch die Bedürfnisse des Kindes zu sehen, anstatt darüber hinwegzufegen.“ (Siehe Schritt-für-Schritt-Tipps unten)
Doch wie klappt das im Alltag zwischen den gefühlt drei Trillionen Erziehungsprobleme, die Eltern meistern müssen? Was mache ich denn, wenn Staubteppiche das Kinderzimmer aufzufressen drohen? Wenn mein Kind den Fernseher einfach nicht ausmachen will oder die Hausaufgaben so trödelig angeht, dass an eine Fertigstellung auch nächste Woche noch nicht zu denken ist?
Vor der Lösung steht die Suche nach den Ursachen des Streits
„Wichtig ist eine innere Überzeugung“, sagt Blüthgen. Was will ich und warum? Damit lässt sich der wichtigste Hebel in der Erziehung schon viel leichter umlegen: die eigene Haltung auf das Kind zu übertragen – eben weil sie überzeugend ist. Warum ist es wichtig, dass das Kinderzimmer aufgeräumt wird? Kommt morgen vielleicht Besuch? Ist es sinnvoll, die Hausaufgaben zu machen, weil in der nächsten Schulstunde ein neues Thema anfängt? „Eltern denken immer, dass Kinder automatisch dagegen sind. Das stimmt aber nicht. Kinder wollen kooperieren. Die Dinge müssen ihnen nur einleuchten.“ Für die nötige Plausibilität sollten Eltern manchmal auch über den Tellerrand schauen: Trödelt das Kind morgens gar nicht, sondern steht einfach nur zu spät auf? Sind die Hausaufgaben vielleicht zu schwer?
Vermeiden Sie Machtkämpfe mit Ihrem Kind
Vermeiden Sie Machtkämpfe mit Ihrem Kind“, sagt Blüthgen. „Verstehen Sie lieber, was hinter dem Verhalten Ihres Kindes steckt.“ Doch – die demokratische Erziehung in allen Ehren – kann man ja leider nicht allen Verhaltensweisen von Kindern mit Verständnis begegnen. Ob bei Lügen oder Beleidigungen: Ist hier nicht spätestens ein lautes „Wenn du dich nicht entschuldigst, gehst du sofort nach Hause!“ angebracht?
Nein, sagt die Expertin. Denn die Kernfrage ist: Soll das Kind sich nur aus Angst vor Bestrafung entschuldigen oder aus Einsicht für sein falsches Verhalten? „Das klärt man dann am besten, wenn man aus der Situation raus ist. Zu Hause oder auch bei einem kleinen Rückzug, wenn die Emotionen nicht mehr so hochkochen“, sagt Blüthgen. Unter vier Augen könnten Eltern dann klar und deutlich sagen: „Das war nicht in Ordnung! So funktioniert es nicht!“
Mit dieser sogenannten „niederlagenlosen Methode“ könnten nämlich alle – Eltern genauso wie Kinder – ihr Gesicht wahren. „Die Eltern verlieren sich nicht in inflationären Drohungen, und die Kinder fühlen sich nicht beliebig unter Druck gesetzt.“ Denn darum geht es auch: elterliche Präsenz zeigen. Da sein, das unpassende Verhalten reflektieren, ohne dabei die Beziehung zum Kind infrage zu stellen.
Neben mir kämpft die Käsewürfel-Mutter mit noch härteren Bandagen: „Ich gehe nie wieder mit dir auf ein Schulfest, wenn . . .“ Zum Glück erlöst ein hart geschossener Ball sie aus ihrem Dilemma. Der trifft die Käsewürfel, diese fliegen vom Tisch, und der Junge ist frei. Er lässt sich nicht zweimal bitten . . .

Konsequenz: Ein kleiner Leitfaden
Wie reagieren, wenn die Kinder wieder mal zu weit gehen? Mit Drohungen, die dann nicht konsequent durchgezogen werden? Nein, mit Klarheit, sagt Familiencoach Susanne Blüthgen. Welche weiteren Schritte folgen sollten, erklärt die Expertin hier:
1. Schritt
Für innere Klarheit sorgen. Sich selbst bewusst machen: Was will ich erreichen? Warum ist mir ein bestimmtes Verhalten wichtig? Welche Absicht bzw. Wirkung verfolge ich damit? (Beispiel: Ich möchte, dass mein Kind sein Spiel beendet, damit wir zum Abendbrot nach Hause fahren können.)
2. Schritt
Dem Kind die eigene Absicht oder Vorstellung präzise erklären. Dabei – wenn möglich – dem Kind ein bisschen Zeit für die gewünschte Veränderung geben. (Beispiel: „Ich werde in fünf Minuten/wenn die Sendung zu Ende ist, den Fernseher ausschalten, weil dann die Hausaufgaben gemacht werden müssen.“)
3. Schritt
Die Bedürfnisse des Kindes miteinbeziehen. Auch die Wünsche des Kindes berücksichtigen. (Beispiel: „Ich verstehe, dass du gern noch spielen möchtest. Aber heute geht es leider nicht mehr. Ihr könnt euch morgen wieder verabreden.“) In schwierigen Situationen auch das Kind um einen Lösungsvorschlag bitten. (Beispiel: „Wir kommen fast keinen Morgen pünktlich aus dem Haus. Was meinst du, wie das besser klappen kann?“) Auf diese Weise fühlt sich das Kind ernst genommen: Das erhöht die Mitmachbereitschaft.
4. Schritt
Machtkämpfe vermeiden. In emotional aufgeladenen Situationen nicht diskutieren oder drohen. Besser: die Situation verlassen und das Kind unter vier Augen sprechen. Dabei mit klaren, aber zugewandten Worten sagen: „Das war nicht unsere Absprache! Dieses Verhalten kann ich nicht akzeptieren.“ Dann ist es wichtig, dem Kind kurz zu erklären, warum die Situation schwierig war und welches Verhalten zukünftig gewünscht ist. Danach eventuell Schritt 3: „Wie stellst du dir eine Lösung/Veränderung vor?“
5. Schritt
Positives verstärken. Statt immer nur zu intervenieren, wenn etwas nicht gut läuft, bewusst positive Verhaltensweisen in den Vordergrund stellen. (Beispiel: „Super, dass du heute deine Hausaufgaben ganz von allein gemacht hast.“) Lob und positives Feedback bestärken das Kind in den von den Eltern gewünschten Verhaltensweisen.
„Warum es Eltern so schwer fällt, konsequent zu sein“ – Fotos: gpointstudio und archistella auf Magnific








