Lernen in der Corona-Krise
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Corona und Schule: „Ich rate zu mehr Gelassenheit“

Sammeln Schüler derzeit wegen Corona gefährliche Lernlücken an? Ja, sagt Lehrerin und Autorin Heidemarie Brosche – und zwar nicht nur Kinder aus bildungsfernen Haushalten. Sie verrät, wo es sich lohnt, am Ball zu bleiben – und was jetzt viel wichtiger als Unterricht ist


Frau Brosche, Sie sind seit diesem Schuljahr nicht mehr im Schuldienst. Hätten Sie diese aufregende Zeit gern noch aktiv miterlebt?

Nein, ich bin froh, dass ich das nicht mehr stemmen muss. Weil das ja dazukommt zu all dem, was vorher schon herausfordernd war.

Sie haben an einer bayrischen Mittelschule unterrichtet, viele Kinder dort kommen aus sogenannten bildungsfernen Haushalten. Was bedeuten die Schulschließungen für diese Schüler?

Die Schere zwischen den Kindern klafft noch weiter auseinander, als sie das vorher schon gemacht hat. Je bildungsferner das Elternhaus ist, umso wichtiger ist ja die Rolle der Schule. Wo jetzt kein richtiger Unterricht mehr ist, fehlt die Möglichkeit, zu erklären, zu differenzieren und dem Kind oder Jugendlichen einfach mal über die Schulter zu schauen, um zu sehen, ob er oder sie gerade träumt, an einer Aufgabe scheitet oder vielleicht ganz andere Probleme hat. Ich frage mich wirklich, wie man das hinterher wieder auffangen kann.

"Ich rate zur Gelassenheit": Heidemarie Brosche
Erfahrene Lehrerin und Autorin: Heidemarie Brosche. Mehr Info: www.h-brosche.de

Aber auch viele Kinder aus gut gebildeten Elternhäusern haben jetzt Schwierigkeiten. Die sind ja auch nicht alle gleich. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die sich mit Eifer in das Lernen zu Hause einarbeiten oder die sich freuen, plötzlich mehr Zeit zum Lesen zu haben. In vielen Familien gibt es aber jetzt noch mehr Streit, weil der Sohn nur noch am Computer zockt, oder weil die Tochter ohne Schule gar keine Veranlassung mehr sieht, ein Buch in die Hand zu nehmen.

Corona-Lernen heißt aber vor allem zu Hause lernen. Was können Eltern denn tun, damit ihre Kinder nicht völlig aus der Lernroutine geraten?

Lesen zum Beispiel wäre ganz zentral, für praktisch alle Fächer. Das muss immer wieder trainiert werden, gerade auch in dieser Zeit, wenn aus der Schule wenig Impulse dafür kommen. Daneben sollten Schülerinnen und Schüler ihre Aufgaben aus dem Fernunterricht einigermaßen gewissenhaft erledigen und möglichst versuchen, zumindest in den wichtigsten Fächern wie Deutsch, Mathe und den Fremdsprachen dranzubleiben.

Aber wir müssen auch im Blick behalten, was die Familien überhaupt leisten können. An einer Brennpunktschule wie meiner letzten können viele Eltern selbst nur mit Mühe oder gar nicht lesen. Da gibt es teilweise im ganzen Haushalt kein einziges Buch! Diese Familien können keine Leseförderung leisten.

Und auch gebildete Eltern stoßen gerade überall an ihre Grenzen. Viele Mütter und Väter merken, was sie alles nicht mehr wissen und also auch nicht erklären können. Es wäre ja auch ein Wunder, wenn Eltern, die ganz andere Berufe haben, einfach so Lehrer ersetzen könnten.

Derzeit gibt es seit Monaten keinen richtigen Unterricht. Jetzt gehen einige Kinder gehen für ein paar Stunden die Woche wieder in die Schule, andere nicht. Es ist völlig unklar, wo die Kinder im Vergleich zu ihren Mitschülern stehen und wie es im nächsten Schuljahr weitergehen soll. Da mache ich mir als Vater schon Sorgen …

Natürlich, und Sie haben auch völlig recht damit! Das wird gravierende Probleme
geben. Aber die können und müssen Sie als Vater nicht lösen. Wenn es demnächst wieder um Noten und Abschlüsse geht, müssen die Lehrer für alle – die bildungsfern aufwachsenden wie die aus gebildeten Familien – sicherstellen, dass es dabei gerecht zugeht. Wir Pädagogen wissen doch auch, dass wir nicht so tun können, als hätte es diese Monate des Fernunterrichts nie gegeben. Und von oben brauchen wir dann Hilfestellungen, wie wir die Nachteile, die die Schüler aktuell durch die Krise haben, auffangen.

Den Eltern rate ich trotzdem zur Gelassenheit. Etliche Studien haben gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler vieles von dem, was im Unterricht durchgenommen wurde, ohnehin sehr bald wieder vergessen. Für uns Lehrer ist das eigentlich eine erschreckende Erkenntnis, aber jetzt hat es auch etwas Beruhigendes: Denn die Kinder machen ja trotzdem ihre Abschlüsse und ihren Weg durchs Leben. Wenn die Lust am Lernen nicht zerstört wurde, kann ja ständig Wissen erweitert werden.

Also durchatmen und laufen lassen?

In gewissem Umfang, ja. Gerade jetzt sehen wir doch: Es gibt so vieles im Leben, was wichtiger als Schulstoff ist. Reden Sie mit Ihren Kindern darüber, was um uns herum alles passiert, das ist ein großes Stück Bildung! Außerdem lernen die Kinder auch etwas dabei, wenn sie mit dem Papa kochen oder mit der Mama Kuchen backen. Oder Sie nutzen die Gartenarbeit, um ein bisschen Wissen rüberzubringen, über die Pflanzen, die Tiere, die Jahreszeiten. Aber behalten Sie im Kopf: Sie müssen kein Lehrer sein. Ich habe selbst drei Kinder und weiß, wie scheußlich es ist und wie ungut die Stimmung in der Familie wird, wenn die Eltern immer die Anpeitscher sind.

Zum Hausaufgaben Machen muss ich meine Kinder allerdings auch in normalen Zeiten anstubsen. Und sie bekommen von ihren Lehrern ja derzeit durchaus etwas zu tun.

Das ist auch richtig und wichtig. Deshalb sollten Eltern gerade jetzt einen guten Kontakt zu den Lehrkräften suchen und sich bei Unsicherheiten mit ihnen darüber verständigen, was deren Anforderungen an die Kinder in der nächsten Zeit sind. So können Sie als Vater Ihre Kinder auch besser anleiten, ohne den Ersatzlehrer spielen zu müssen.

Wie auch immer es in den nächsten Monaten weitergeht, die Schulen werden zwangsläufig differenzieren zwischen Fächern wie Mathematik, in denen die Kinder bestimmte Grundlagen einfach beherrschen müssen, und anderen wie Geschichte, in denen wir noch mehr exemplarisch arbeiten können. Natürlich ist auch dieses Fach wichtig, aber ein Kind kann sich doch niemals die ganze Weltgeschichte merken. Vielmehr geht es darum, einen Überblick zu geben und Interesse oder am besten Leidenschaft für ein Fach zu wecken. Dann haben die Kinder auch Lust, das selbst zu vertiefen, und dafür eignen sich wiederum die neuen Medien gut, die sie im Moment ohnehin ständig benutzen.

Sollten die Eltern dann auch differenzieren und zumindest in den Kernfächern wie Mathematik Grundlagen wiederholen – zur Not auch in den Ferien?

"Hätte ich netter schimpfen sollen?" von Heidemarie Brosche
„Hätte ich netter schimpfen sollen?“: Heidemarie Brosches jüngstes Buch, das Eltern gerade auch in diesen herausfordernden Corona-Zeiten helfen kann (mvg Verlag, 16,99 Euro)

Einerseits würde ich gerne sagen: Ja, es ist immer gut, nebenbei spielerisch Grundlagen wie das Einmaleins zu trainieren – beim Einkaufen etwa oder bei Gesellschaftsspielen. Als meine Kinder zur Schule gingen, habe ich das Einmaleins innen an unsere Klotür gehängt, weil ich dachte, vielleicht bringt’s ja was. Aber ich höre auch von meinen Kolleginnen, wie viele Eltern schon jetzt am Rande ihrer Kräfte sind und geradezu verzweifeln, wenn die Schulen immer noch nicht wieder normal öffnen. Klar ist: Wenn Sie sich als Vater oder Mutter überfordert fühlen, ist es besser, dass Sie sich erholen. Denn viel wichtiger als jeder Unterrichtsstoff ist, dass dem Kind der Lernspaß erhalten bleibt. Dann fällt es hinterher leicht, noch das eine oder andere nachzuholen.



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