"Einschulen bedeutet loslassen" – Magazin SCHULE
Meinen & Sagen

„Einschulen bedeutet loslassen“

Viola Herrmann ist Lehrerin und Mutter von vier Kindern. Sie weiß: Die Einschulung ist ein großer Schritt – gerade auch für die Eltern. Aber die Kleinen wachsen an ihren größeren Aufgaben


Liebe Eltern, habt Vertrauen in eure Kinder!

Für viele von euch bedeutet die Einschulung in erster Linie eins: Loslassen. Euer Kind ist jetzt so groß geworden, dass es den Kindergarten verlässt und mit der Einschulung einen neuen Lebensabschnitt beginnt. Als Lehrerin und Mama von vier Kindern möchte ich euch Mut machen für diesen spannenden Übergang und die erste Zeit in der Schule.

Vorneweg sei eins gesagt: Ich verstehe eure gemischten Gefühle und Sorgen zu 100 Prozent. Als meine älteste Tochter eingeschult wurde, habe ich mich gefühlt, als ob man mir mein Kind wegnimmt. Ich empfand den Schuleintritt regelrecht als Eingriff in unser Familienleben, denn erstmals hatte ich als Mutter nicht mehr die uneingeschränkte Weisungsbefugnis für mein Kind. Die Schulpflicht hatte sie sich geschnappt, und aus deren Fängen gab es kein Entkommen.

Cover "Mein Kind wird Schulkind" von Viola Herrmann – Magazin SCHULE
Dieser Text stammt aus dem Buch „Mein Kind wird Schulkind“ von Viola Herrmann. Independently published, 8,90 Euro

Damals habe ich mich sehr über mich selbst gewundert. Schließlich habe ich als Lehrerin schon diverse Einschulungen besucht und häufig in ersten Klassen unterrichtet. Ich weiß durchaus, dass der Schulbeginn kein Drama, sondern für Kinder ein logischer Schritt in ihrer Entwicklung ist. Und trotzdem fiel es mir schwer, mein „Baby“ loszulassen.

Meine Große ist mittlerweile im Gymnasium, und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder kämpft sich durch die Anforderungen der fünften Klasse. Schule ist auch privat für mich zum Alltag geworden. Ein wesentlicher Teil im Leben meiner Kinder, den ich begleite, so gut ich kann. Wie bei allen Veränderungen dauert es auch bei der Einschulung ein wenig, bis man sich mit der neuen Situation arrangiert hat. Doch schon bald hat man das Gefühl, als ob es nie anders gewesen ist.

Mein Rat: Vertraut euren Kindern!

Aus meiner Sicht als Lehrerin kann ich euch sagen: Vertraut euren Kindern! Sie können oft viel mehr, als wir Eltern ihnen zutrauen. Und sie wachsen an ihren Aufgaben. Als Lehrer kann man förmlich dabei zusehen, wie sich das Selbstvertrauen der Schulanfänger in den ersten Wochen entwickelt. Die anfängliche Scheu und Zurückhaltung weicht dann zunehmend lautem Lachen und durchgehenden Unterhaltungen (gerne auch im Unterricht, na klar).

Warum ist das so? Die Kinder erfahren, dass ihre Schulklasse ein geschützter Raum ist, in dem sie sich wohlfühlen können. Sie trauen sich nach und nach mehr zu, und diese Erfolgserlebnisse erfüllen sie mit Stolz. So kann die Bewältigung von kleinen Aufgaben wie z.B. eigenständig ab dem Schultor zur Klasse gehen, mit einem Partner den Gang zur Toilette erledigen oder der Dienst als Heftausteiler im Matheunterricht eine starke Motivation für die Kinder sein. Sie schaffen Dinge, die ihnen im Kindergarten nicht zugetraut wurden. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein.

Was tun, wenn Kinder sich in der Schule nicht wohl fühlen?

Leider gibt es vereinzelt auch Kinder, die sich in der Schule nicht wohl fühlen. Die Gründe dafür können ganz unterschiedlicher Natur sein und müssen stets individuell herausgearbeitet werden. Jedes Elternteil wünscht sich, dass das eigene Kind glücklich ist und gerne in die Schule geht. Sollte das auch nach ein paar Monaten nicht der Fall sein, empfehle ich ein Gespräch mit dem Klassenlehrer. Dieser erlebt euer Kind im Schultag am häufigsten und hat daher den besten Einblick in sein Verhalten. Gerade Klassenlehrer der Schuleingangsphase sind sensibilisiert für emotionale Themen, die ihre Schüler betreffen. Seid ehrlich und schildert ihm ganz offen, warum ihr euch Sorgen macht. Wenn Schule und Elternhaus zusammenarbeiten, gibt es immer eine Möglichkeit, die Situation im Sinne des Kindes zu erörtern und zu verbessern.

Kinder sind kleine Superhelden

Dennoch habe ich den Großteil meiner Schulanfänger immer als fröhlich und gut integriert erlebt. Und auch kleine Probleme, die sich beim Einleben in den Schulalltag ergaben, lösten sich mit der Zeit zumeist von alleine auf. Kinder sind kleine Superhelden und sie wachsen mit ihren Aufgaben.

Erfahrene Lehrer erkennen zudem recht schnell, welches Kind welche Förderung benötigt. Differenzierende Unterrichtsmaterialien sorgen dafür, dass jedes Kind auf seinem eigenen Leistungslevel arbeiten kann. Besonders in der ersten Klasse sind die Materialien auch so gestaltet, dass genug Raum für abwechslungsreiche Aufgaben wie ausmalen, schneiden oder kleben bleibt. Für Schulanfänger sind Methodenwechsel sehr wichtig, weshalb einige Lehrer regelmäßig kurze Bewegungsspiele in ihren Unterricht einbauen. Und kleine Belohnungen wie Sticker oder andere Motivationshilfen fehlen auch in keiner Schublade eines Lehrertisches …

Kurzum: Macht euch nicht so viele Sorgen wegen der Einschulung. Sie kommt ohnehin, da kann man nichts dran ändern. Stärkt eure Kinder, lobt sie für kleine Erfolge. Seid für sie da, fragt nach ihrem Schultag und freut euch gemeinsam mit ihnen über ihren Lernzuwachs. Seid ein Team und arbeitet Hand in Hand mit den Lehrern, die genau wie ihr das Beste für euer Kind wollen.



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