Wundern & Wissen

Hochsensibel, Schüler – und endlich glücklich

Milo träumt oft in der Schule, wirkt unkonzentriert. Doch er hat kein ADHS, wie viele denken. Milos Mutter kommt der Diagnose auf die Spur: Ihr Kind ist hochsensibel


Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich auf ­einem ausverkauften Konzert einer ­wütenden Heavy-Metal-Band mit Stroboskop-Lichtshow. Gegenstände fliegen durch die Luft, Sie weichen aus. Währenddessen ­versucht ein freundlicher Finanz­experte, Ihnen begreiflich zu machen, wie Sie in wenigen Minuten Ihre Steuererklärung ausfüllen sollen. Ihre berufliche Zukunft hängt davon ab.

Mein Sohn nimmt Eindrücke differenzierter wahr

So ungefähr geht es meinem Sohn Milo in der Schule. Der Achtjährige ist hochsensibel. So wie – laut der amerikanischen Psychologin und Forscherin Dr. Elaine Aron – etwa 20 Prozent aller Menschen. Er nimmt Eindrücke in normalen Alltagssituationen differenzierter wahr. Er kann die Reize nicht ausblenden. Normal sensible Menschen nutzen eine Art Filter: Sie sortieren automatisch Unwichtiges aus und fokussieren sich auf das Wesentliche, vieles rückt einfach nicht in ihr Bewusstsein. Milo kann das noch nicht, er braucht nach heftigem Input längere Pausen.

Hochsensibilität ist keine Krankheit, sondern eine persönliche Anlage – wie beispielsweise Schüchternheit oder Kreativität. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie vererbt wird und dass sie keineswegs als Nachteil angelegt ist – viele Hochsensible sind sehr gute Analytiker, Beobachter, Vermittler und vieles mehr. Aber diese Reizintensität kann unter ungünstigen Umständen behindern, vor allem in Lebensbereichen, in denen viele Stimuli stattfinden. Schule kann so ein Bereich sein. Wer so viele Reize aufnimmt, muss lernen, seine Aufmerksamkeit zu kanalisieren und sich gegen die Dauerbeschallung abzugrenzen. Wenn ein Kind das noch nicht kann, zeigt es häufig starke Reaktionen in Form von Rückzug oder Herumtollen, Stören oder manchmal auch durch Wutausbrüche. Das Kind versagt in der Schule und bekommt gut gemeinte, aber ­falsche Hilfestellungen.

Hochsensibel Schüler zu sein, ist nicht einfach

So wie Milo. Seine Empathie ist mir sympathisch, ­seine klugen Analysen, seine Kreativität und sein feiner Humor machen ihn zu einem fröhlichen, beliebten Kind. Bis er in die Schule kommt. Völlig unerwartet versagt er, wirkt oft abwesend, wie unter einer Taucherglocke. Milo, der sich jedes Detail über Tiere merkt, sämtliche Lego-Krieger beim Vornamen kennt und seismografisch Veränderungen wahrnimmt, ist viel langsamer als alle anderen, fällt ­immer mehr zurück. Die Lehrerin beschreibt Wutausbrüche, die mir bis dato fremd sind. Dummerweise fällt sein Schuleintritt zusammen mit der Trennung von mir und seinem Vater. Deshalb gebe ich zunächst uns die Schuld am ­Verhalten unseres Sohnes.

Der malt still in sein Matheheft, statt Aufgaben zu lösen. „Er hört einfach nicht zu!“, beschwert sich seine erste Mathelehrerin. „Ständig träumt er sich weg!“ Auch im Schreiben und Lesen ist er schwach. Er könne sich nicht konzentrieren, vielleicht ist er nicht so helle, ob ich einem IQ-Test zustimme? Klar, wenn er einfach ­gestrickt ist, muss er sich ja nicht quälen.

Die Odyssee beginnt mit der IG-Prüfung

Nun beginnt eine Diagnose-Odyssee, die die meisten Eltern hochsensibler Kinder durchleben. Sie beginnt meist mit der IQ-Prüfung. Auch wir machen den Test bei einer Kinderneurologin. Milo ist klug. Allerdings nicht, wenn es um Schule geht. Dann scheint er in einer inneren Welt zu verschwinden. Es dauert lange, ehe ich während der Hausaufgaben zu ihm durchdringe. Wenn mir das mit viel Geduld gelingt, versteht er schnell, löst die Aufgaben zügig. Am darauffolgenden Tag scheint es allerdings, als habe er noch nie von derselben Aufgabe gehört. Ich bin erst ­genervt, und dann schimpfe ich. Abends schäme ich mich, am nächsten Tag geht’s von vorn los.

Die erste Diagnose: ADS. Ein typisches Fehlurteil

„Er hat wahrscheinlich ADS“, vermutet die Vertrauenslehrerin. Sie kenne die Symptome des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms (ADS) aus ihrer Lehrtätigkeit. Obwohl ihre Beobachtungen passen, fühlt sich ihre Dia­gnose für mich falsch an. Milo geht in die ­innere Emigration, wenn die Welt nicht aushaltbar ist. Aber warum ist es in der ­Schule so? Vielleicht hat er doch eine Störung. Zum ersten Mal bin ich verunsichert, ob ich mein Kind richtig einschätzen kann. Wir suchen eine Ergotherapeutin, eine Psychotherapeutin, ich lerne täglich mit ihm. Milo sagt: „Wenn ich in der Schule bin, ist es immer laut, ich höre nicht Einzelne, ich höre alle auf einmal.“ Er berichtet detailliert über soziale Interaktionen, Strukturen und seine Gefühle dazu. Ich habe Glück, die Ergotherapeutin, die gerade eine Fortbildung zum Thema Hochsensibilität gemacht hat, identifiziert es. Sie gibt mir einen Test mit, der eindeutiger nicht ausfallen könnte. Je mehr ich darüber lese, desto sicherer bin ich, jetzt die richtige Fährte zu verfolgen.

 

Test: Ist mein Kind hochsensibel?

Erste Hinweise

Sie haben den Verdacht, Ihr Kind könnte hochsensibel sein? Dann können die folgenden Fragen Ihnen dazu einen ersten Anhaltspunkt liefern. Wenn Sie deutlich mehr als die Hälfte – also mehr als acht – der Aussagen bestätigen konnten, dann könnte Ihr Kind tatsächlich hochsensibel sein.

Bedenken Sie jedoch, dass ein Ergebnis von momentanen Situationen, von Ihrem eigenen Verhältnis zum Kind und dergleichen beeinflusst sein kann. Das Alter des Kindes wurde bei diesem allgemein gehaltenen Test im Übrigen nicht berücksichtigt.

    1. Das Kind reagiert stark und abwehrend auf große Lautstärke oder Lärm.
  • 2. Das Kind gleicht Spannungen gern aus und versucht, für eine harmonische Atmosphäre zu sorgen.

  • 3. Das Kind fühlt sich ein, wenn andere traurig oder krank sind. Es nimmt ganz von sich aus Rücksicht auf andere.

  • 4. Das Kind liebt eher ruhige Spiele. (Wenn es zornig wird, kann es selbst auch einmal sehr laut werden.)

  • 5. Das Kind spürt selbst kleinere Details in seiner Umgebung, die verändert wurden.

  • 6. Während andere Kinder Spaß an schnellen und wilden Karussellfahrten haben, schreckt das Kind eher davor zurück.

  • 7. Während andere Kinder nicht unbedingt davon beeindruckt sind, wenn Erwachsene mit einem anderen Kind schimpfen, fühlt sich das Kind davon tangiert, auch wenn es eigentlich selbst gar nicht gemeint ist.

  • 8. Das Kind spielt gern auch einmal allein. Es erlebt sein Spiel intensiv und geht darin auf.

  • 9. Das Kind hält sich vor neuen Dingen oder Eindrücken etwas zurück. Es verhält sich oft abwartend und braucht etwas länger, um sich dann darauf einlassen zu können.

  • 10. Das Kind mag Wettspiele nicht besonders, es tut sich in ihnen nicht hervor. Es geht ihm offenbar nicht darum, zu gewinnen, über andere zu siegen oder zu dominieren.

  • 11. Das Kind ist im Vergleich zu anderen Kindern eher leise und ruhig, auch wenn es Ausnahmen geben kann, zum Beispiel wenn es überreizt oder zornig ist.

  • 12. Das Kind liebt Ausgleich und Gerechtigkeit. Es teilt gern Schokolade und Kekse. Es achtet darauf, dass alle etwas
    bekommen.

  • 13. Das Kind ist interessiert und etwas zurückhaltend, wenn es anderen Kindern oder Erwachsenen vorgestellt wird.

  • 14. Das Kind ist von dem „Schneller, Höher, Weiter“ weniger beeindruckt als andere Kinder.

 

Und die bringt mich viele Monate und Unterstützungsversuche später zur Hamburger Lerntherapeutin Ursula Mosick, die mir schildert, so wie uns gehe es vielen Familien: „Kinder mit originellen Verhaltensweisen landen oft in einer Störungsschublade.“ Die Waldorfpädagogin und Lerntherapeutin betreut Kinder, die im Schulsystem anecken. Viele ihrer kleinen Kunden sind hochsensibel. „Hochsensible Kinder erleben die Welt differenzierter und zugleich intensiver als andere Kinder. Sie müssen mehr Reize und Informationen geistig und seelisch verarbeiten“, erklärt sie. „Eine Überstimulierung führt je nach Temperament zu stark motorischem Herumtollen oder Wegträumen.“ Beides sind unerwünschte Verhaltensweisen in der Schule und eben auch Hinweise auf ADS oder ADHS. Im Betrieb mit 23 Schülern und mehr innerhalb einer Klasse ist es schwer für Lehrer, die Unterschiede zu erkennen.

Mit dem richtigen Training ging es schnell besser

Die Kinder fühlen: „Ich bin verkehrt.“ Das hindert sie zusätzlich am Lernen. Mit der entsprechenden ­Unterstützung kann das aufgefangen und verändert werden. Lerntherapeutinnen wie Ursula Mosick kombinieren Bewegungen mit Lernstoff und Hirntraining. Sie nutzen die neuesten Hirnforschungserkenntnisse sowie die ­Kinesiologie und aktivieren durch bestimmte Übungen die beiden Hirnhälften, schaffen so neuronale Verbindungen, die das Kind braucht, um erfolgreich zu lernen. Die Veränderung kommt schnell, Milo mag diese Art zu lernen, ich besuche zusätzlich ein Elternseminar, um diese Methoden für die Hausaufgaben zu übernehmen. Weder die Nachhilfe noch die Seminare sind günstig, aber beides ist hilfreich. Aus den Lernkämpfen werden Spielminuten.

Aus Lernkämpfen werden Spielminuten

Die veränderte Haltung verschafft uns Erleichterung. Wir erkennen, wo ­Hindernisse lauern, und sind nicht mehr auf Misserfolge fokussiert. Jutta Böttcher, Gründerin ­eines Kompetenzzentrums für Hochsensibilität: „Diese Sichtweise ist wichtig für die sensiblen Kinder, die genau spüren, dass sie nicht funktio­nieren wie andere.“ Sie berät Eltern und Kinder, hilft, den Störungsblick zu verändern, und übersetzt die nonverbale Sprache in Erkenntnisse, die Familien Entspannung bringen. Zudem verfügt sie über hilfreiche Adressen aus unterschiedlichen Fachgebieten. Unsere Lerntherapie beginnt mit Einzelstunden, später besuchen die Kinder Dreiergruppen. In dieser Gruppenstärke kann das Kind üben, ohne in den Stress zu geraten, dem es in größeren Menschenmengen leicht ausgesetzt ist.

Abwarten macht nichts besser

Deshalb sind auch Mannschaftssportarten oft ungünstig für Hochsensible. Die Mutter des zehnjährigen Jano zum Beispiel erinnert sich an die sehr kurze und erfolglose Fußballerlaufbahn ihres Sohnes. „Er stand auf dem Fußballfeld und sortierte die Eindrücke, während seine Teamkollegen Tore schossen und ihn ­anmeckerten, er solle nicht dem Ball ausweichen.“ Auch sie wurde von den Lehrern auf die Konzentrationsschwächen ihres Sprösslings angesprochen. „Man sagte mir, ich solle zuwarten“, erinnert sie sich. „Von zu viel Warterei rate ich Eltern dringend ab.“ Sie zögert nicht, ermöglicht ihrem Sohn eine Lerntherapie, und gemeinsam holten sie die Lehrer ins Boot.

Als die Klassenlehrerin von Jano mit Informationen über hochsensible Kinder versorgt ist, versteht sie ­Aspekte des Problems. Ihr fällt auf: Der hochsensible Jano sitzt ganz hinten. Wenn er von der Masse der Eindrücke überwältigt ist, bekommt er weder den Unterricht noch Hausaufgaben mit. Sie holt ihn zu sich nach vorn. ­Janos Mutter erlebt ein zunehmend selbstbewusstes Kind. Er lernt zu lernen, auch sich abzugrenzen. Inzwischen schwimmt er und spielt Golf, er besucht die 5. Klasse im Gymnasium. Daran war bis vor zwei Jahren nicht zu denken. „Ich weiß nicht, wie groß der Anteil der Lerntherapie ist“, überlegt Janos Mama, „aber er will immer noch hin.“

Hochsensibilität kommt in vielen Verpackungen

Hochsensibilität kommt in vielen Verpackungen. Nicht alle dieser Kinder sind introvertiert, schüchtern, ängstlich. Es gibt ebenso extrovertierte, kommunika­tionsfreudige, sportliche, schulisch erfolgreiche und hochintelligente. Diejenigen, die noch von der Reizflut überwältigt werden, brauchen Unterstützung und Klarheit, Zeit und Rückzugsmöglichkeiten. Kinder und Eltern brauchen Strate­gien, damit das Leben wieder entspannt wird.

Damit das überforderte hochsensible Kind Lernstoff auch unter Schulbedingungen aufnehmen kann, kann eine zielgerichtete Ergotherapie oder Lerntherapie große Unterstützung bringen. Uns hat diese Erkenntnis sehr geholfen.

Claudia Herberger



Unsere Themen im Überblick

Kommentare sind geschlossen.