Homeoffece: Sie ist wieder da! – Magazin SCHULE ONLINE
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Sie ist wieder da

Mamas Comeback: Nach langen Jahren im Vollzeitjob wechselt Magazin-SCHULE-Autorin Beate Strobel ins Homeoffice. Und ist somit zu Hause. Jeden Tag. Auch mittwochs. Für ihre drei Kinder ist das leider kein Grund zum Jubeln


Ja, ich hätte mir mehr Begeisterung erhofft. Nicht gerade eine La-Ola-Welle, klar, aber ein bisschen sicht- und hörbare Freude wäre doch nicht zu viel verlangt gewesen. Oder?

Stattdessen: Stille am Esstisch. Unsere drei Kinder starren mich an. Gerade habe ich erzählt, dass die Zeitschrift, für die ich bislang gearbeitet habe, eingestellt wird. Und dass ich nun als freiberuf­liche Journalistin von zu Hause aus arbeiten werde. „Schon nächste Woche?“, fragt meine Tochter, 14. Ja, sage ich. „Jeden Tag?“, fragt mein Ältester, 16. „Auch mittwochs?“ Ja, jeden Tag. Und ja, auch mittwochs. Und warum um alles in der Welt ist Mittwoch so wichtig?

Mama macht jetzt Homeoffice. Nun freut euch doch, Kinder!

Egal, denn damit ist jetzt Schluss. Ich werde nun mittags auf euch Kinder warten mit einem warmen Essen, ich werde euch bei den Hausaufgaben helfen und endlich ein vollwertiges Mitglied der elterlichen „Handball-Taxi“-WhatsApp-Gruppe sein. Ich werde vormittags in die ­Sprechstunde ­eurer Lehrer gehen und nachmittags die Trompeten-­Übungen einfordern. Nun freut euch doch, Kinder!

Nur der Jüngste freut sich. Bis er hört, dass er trotzdem in den Hort muss

Der Einzige, der zumindest etwas Begeisterung zeigt, ist mein Jüngster, elf Jahre alt. „Muss ich jetzt nicht mehr in die Nachmittagsbetreuung?“, fragt er. Doch, muss er. Die ist nämlich für zwei Tage pro Woche verbindlich gebucht bis Schuljahresende, sorry. Nun zieht auch er eine Schnute.

Ich bin, solange meine drei Kinder zurückdenken können, immer fest angestellt gewesen. Anfangs Teilzeit, später 40 Stunden pro Woche (Minimum). Ich war diejenige, die Kindergeburtstage in der Mittagspause vom Schreibtisch aus organisiert hat, die per WhatsApp an den Arzttermin erinnerte und zu Elternabenden bestenfalls zu spät hereinhetzte. Journalismus kennt keinen geregelten Feierabend. Unsere drei Kinder sind deshalb mit einer schönen Dosis Papa aufgewachsen, aber auch mit ­Ganztagskita, Hort, Babysitter und Großeltern.

Nennt mich Rabenmutter, meinetwegen, ich habe gelernt, mit diesem Vorwurf zu leben. Bis heute ist keines der drei Kinder straf- oder anderweitig auffällig geworden. Wir haben uns arrangiert mit den Gegebenheiten. Jetzt aber wittere ich meine Chance, im Schnelldurchlauf alles wiedergutzumachen. Wenn diese dämliche Kündigung aus dem Nichts wenigstens einen Sinn haben sollte, dann den: endlich Zeit zu haben für die Familie. Ich bin wieder da!

Sie füllen die Salatschüsseln mit Nudeln und verdrücken sich auf ihre Zimmer

Tag eins, 13.45 Uhr: Ich habe den Tisch liebevoll gedeckt, Mittagessen gekocht. Und warte nun auf die drei. Da kommt vom Ältesten eine WhatsApp, dass er bei einem Freund isst. Die anderen beiden drehen erst überrascht die Salatschüsseln in der Hand, füllen sie dann mit Nudeln und verdrücken sich damit auf ihre Zimmer, während ich noch Getränke aus dem Keller hole. Tür zu. Auf meine Beschwerde reagieren sie mit Verblüffung: „Mama, wir machen das immer so.“

Am liebevoll gedeckten Tisch sitzen nur die Katzen und ich

Am liebevoll gedeckten Tisch sitzen an diesem ersten Mittagessen „en famille“ nur die Katzen und ich. Und ich fühle mich betrogen um eine Fantasie, mit der ich mich all die Jahre oft an meiner Planstelle getröstet hatte. Wenigstens haben sie Geschwister, dachte ich dann. Sie hocken nicht wie Schlüsselkinder allein beim Mittag, sondern essen gemeinsam, reden vielleicht sogar miteinander. Ha!

Ab sofort bestehe ich darauf, dass alle mittags anwesenden Kinder am Tisch sitzen und mir von ihrem Schulalltag erzählen. Ein Hauch von heiliger Inquisition liegt bald über dieser halben Stunde. Teenager wollen nicht reden. Oder zumindest nicht mit der Mutter und schon gar nicht über die Schule. Oder über Hausaufgaben. Die parallel dazu installierte Regel, dass bei Tisch nicht Netflix auf dem ­Handy geguckt wird, verschlechtert die Stimmung zusätzlich.

Den Quinoa-Salat darf ich fast vollständig eintuppern

Was spricht gegen Tiefkühlpizza?“, fragen die Kinder stattdessen. Ich erläutere die Nährwerte auf der Pizzapackung sowie die Vorzüge eines selbst gemachten Quinoa-Salats mit Avocado und Rucola, den ich anschließend nahezu vollständig selbst eintuppern darf. Stattdessen gießt sich der Nachwuchs Milch ins Müsli.

Am liebevoll gedeckten Tisch sitzen nur die Katzen und ich

Der Nachteil von Erziehung zur Selbstständigkeit ist: Die Kinder puzzeln sich ihr Leben so zusammen, wie es ihnen passt. Was nicht immer deckungsgleich ist mit dem, was ich für passend halte. Die letzten Jahre allerdings habe ich über meine eigenen Ideale großzügig hinweggesehen und war schlicht dankbar, wenn sich abends alle Pizzaschachteln im Altpapier und die dreckigen Teller in der Spüle befanden. Unglaublich naiv hatten mein Mann und ich vor Jahren außerdem die Parole ausgegeben, dass täglich nur eine Stunde Gedaddel nach dem Erledigen der Hausaufgaben gestattet ist. Allerdings ohne die Chance, dies je überprüfen zu können. Am Küchentisch sitzend, sehe ich nun Kinder mit dem Handy vor der Nase Richtung Fernseher schwanken. Auf Nachfrage erläutern sie, dass „Daddeln“ ja nur das Spielen am Computer sei und nicht das Gucken von YouTube-­Videos auf dem Smartphone oder „FIFA“-Spiele an der Xbox. Ein jahrelanges Missverständnis klärt sich so auf. Hausaufgaben? Mach ich gleich. Nur noch das eine Level.

Im Schnitt knallen einmal täglich die Türen

Ja, wir geraten in den ersten Wochen meiner neuen Mütterlichkeit oft aneinander. Die Kinder verteidigen eisern die Freiheiten, die sie jahrelang genossen haben; wären sie gewerkschaftlich organisiert, würden sie wohl den Terminus „betriebliche Übung“ verwenden. Ich dagegen versuche ähnlich eisern, einen Standard zu etablieren, der all das beinhaltet, was ich je über Erziehung gelesen und in der Theorie immer für gut befunden habe. Im Schnitt knallen einmal täglich Türen.

Schleichend setzt auf Kinderseite Bequemlichkeit ein

Parallel dazu setzt eine schleichende Bequemlichkeit auf Kinderseite ein: „Es sieht nach Regen aus, kannst du mich zum Handball fahren?“ – „Ich brauche noch einen Schnellhefter, rot – kannst du den bitte besorgen?“ – „Ich muss das bis morgen fertigstricken, hilfst du mir?“ In mütterlicher Dämlichkeit und aus einem jahrelang gewachsenen schlechten Gewissen heraus sage ich Ja – bis ich feststelle, dass die Kinder die so gewonnene Freizeit lediglich zum Daddeln auf einem ihrer technischen Geräte verwenden. Und das, na klar, weit über die vereinbarte Stunde hinaus. Abwesenheit hat mich lange davor geschützt, aber: Auch mal Nein zu sagen ist Teil der Stellenbeschreibung als familiäre Führungskraft. Auch wenn ich dafür aus Kindersicht nicht „Mama der Woche“ werde.

Der familiäre Wiederannäherungsprozess inklusive täglicher Kampfhandlungen dauert bis zu den Sommerferien. Sechs Wochen, die uns allen sehr guttun. Frei von der Last täglicher Verpflichtungen setzt diplomatisches Tauwetter ein, die Kinder haben keine Hausaufgaben mehr auf, und auch ich nehme – leicht erschöpft – ein bisschen Urlaub vom pädagogischen Alltag. Der doch anstrengender ist, als ich ihn mir in all den Jahren im Außendienst vorgestellt hatte.

Ich habe wohl inzwischen ein deutlich größeres Bedürfnis nach Nähe als die Kinder

Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, verpasste Gelegenheiten nicht mit verstärktem Einsatz kompensieren. Aus Teenagern werden keine Kindlein mehr, die sich wie Bolle freuen, wenn die Mama zum gemeinsamen Gesellschaftsspiel ruft. Die Geister, die ich rief, als ich froh war um die Alltagstauglichkeit meiner Kinder unter erschwerten Bedingungen, diese Geister lassen sich nun nicht mehr in die Flasche zurückdrücken. Irgendwann in diesen sechs Ferienwochen wird mir außerdem klar, dass ich inzwischen ein deutlich größeres Bedürfnis nach Nähe habe als die Kinder. Eine Jobmisere dadurch auszugleichen, indem man von heute auf nachher zur Super-Mom mit Neigung zum Kontrollwahn mutiert? Keine gute Idee.

Heute arbeite ich so, dass ich nicht mehr alles sehe

Heute hat sich die Lage weitgehend entspannt. Ich arbeite nicht mehr am Küchentisch, sondern in der Arbeitsecke auf dem Dachboden, sodass ich nicht mehr alles sehe, was im Erdgeschoss so vor sich geht. Manchmal habe ich auch Termine in der Stadt, an solchen Tagen gibt es dann wieder Tiefkühlkost statt warmer Mahlzeit von Muttern. Mitunter kochen aber auch meine Tochter und ich gemeinsam vor für den nächsten Mittag. Nur Quinoa-Salat steht weiterhin auf der No-go-Liste.

PS: Auch das Rätsel mit dem Mittwoch klärte sich irgendwann auf. Dieser Nachmittag war schlicht der einzige, an dem mein Ältester die Bude für sich hatte. Eine Tatsache, die auch seine Kumpel zu schätzen wussten, ganze „FIFA“-Weltmeisterschaften wurden mittwochs in unserem Wohnzimmer nachgespielt. Etwas, woran die Kids sich vermutlich länger erinnern werden als an Trompetenunterricht und vollständig erledigte Hausaufgaben.



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