Wie die Handschrift beim Denken hilft – Magazin SCHULE
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Wie die Handschrift beim Denken hilft

Auch im Zeitalter von Smartphone, Tablet und Computer ist es wichtig, dass Kinder schnell und flüssig mit der Hand schreiben können. Vielen fällt das schwer. Aber die Mühe lohnt sich! Forscher haben herausgefunden: Wer eine gute Handschrift hat, kann besser denken


Die ersten Schreibübungen sind meist ungelenk, krakelig und schief. Die Buchstaben geraten zu groß, bleiben unter der Linie oder schießen darüber hinaus. Immer wieder üben Erstklässler die einzelnen Buchstaben, sie zeichnen mit den Fingern riesige Os in die Luft, machen Schwungübungen auf dem Papier, malen Buchstaben in verschiedenen Farben nach und üben das A, B und C schließlich in den ­Zeilen. Wenn die ersten Buchstaben sitzen, verbinden die Kinder mehrere Buchstaben zu Silben, Wörtern und später zu Sätzen. Schreiben lernen ist ein komplizierter Prozess. Wer beobachtet, wie angestrengt Sechsjährige versuchen, Buchstaben aufs Papier zu bringen, ­erkennt, dass es Schwerst­arbeit für die Kleinen ist. Aber eine, die sich lohnt: Denn die Handschrift hilft beim Denken.

„Beim Schreiben mit der Hand ­werden mehr als 30 Muskeln und 17 Gelenke verwendet, die fein zusammenarbeiten müssen“, sagt Marianela Diaz Meyer vom Schreibmotorik-Institut. Vielen Kindern fällt diese Koordina­tion zumindest am Anfang schwer. Sie umklammern den Stift verkrampft, drücken zu stark auf oder knicken im Handgelenk unnatürlich ab. Die Folge: Schon nach ein paar Minuten schmerzen die Finger oder gar die ganze Hand.

51 Prozent der Schüler und 31 Prozent der Schülerinnen haben Probleme mit der Handschrift

Wenn das Schreiben schwerfällt, müssen Kinder immer wieder ­Pausen einlegen. Nach einer ­Umfrage des Schreibmotorik-Instituts in Kooperation mit dem Deutschen Lehrerverband haben 51 Prozent der Schüler und 31 Prozent der Schülerinnen Probleme mit der Handschrift. Nur 29 Prozent der Kinder der fünften und sechsten Klassen können länger als 30 Minuten ohne Beschwerden schreiben. „Das ist kata­strophal, vor allem für weiterführende Schulen, wo man mehr und schneller als in der Grundschule schreiben muss“, sagt Diaz Meyer.

„Die Schrift der Kinder wird immer schlechter“

Maria-Anna Schulze Brüning ist seit mehr als 25 Jahren Lehrerin für Französisch und Kunst an einer Gesamtschule in Hamm. Sie beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Schrift von Schülern. Ihr Fazit: „Die Schrift der Kinder wird immer schlechter.“ In ­ihrem Buch „Wer nicht schreibt, bleibt dumm“ (Piper, 22 Euro) schreibt sie: „Krakelschriften sind keine Einzelfälle mehr, sondern in den Klassenzimmern längst zur Normalität geworden.“

Viele Schüler verzweifeln an ihrer Schrift

Viele Schüler quälen sich jeden Tag und verzweifeln an ihrer Schrift: „Ich sehe immer wieder Fünftklässler, die zum Beispiel das K von unten nach oben schreiben oder sich Buchstabenverbindungen angewöhnt haben, die einfach nicht funktionieren.“ Die Gründe für das Schriftdesaster resultieren aus Sicht der Pädagogin fast ausschließlich aus der fehlenden Anleitung zum Handschrifterwerb. In der Lehrerausbildung spiele das Erlernen der Handschrift überhaupt keine Rolle mehr, beklagt die Lehrerin.

Lernen macht keinen Spaß, wenn das Schreiben zur Qual wird

Dabei geht es Experten keineswegs nur um eine schöne Handschrift, sondern um ein „Fundament des Lernens“, so die Pädagogin. Wer im Unterricht nicht schnell genug mitschreiben kann, wer sich zu sehr auf den Schreibprozess anstatt auf den Inhalt konzen­trieren muss, wer seine Mitschrift später nicht mehr entziffern kann, der lernt insgesamt schlechter. „Das ­ganze Lernen macht keinen Spaß, wenn das Schreiben zur Qual wird“, so ­Schulze Brüning.

 

Schriftarten in Deutschland

Ausgangsschriften in Deutschland
  • Laut den Bildungsstandards im Fach Deutsch, die seit 2004 bundesweit gelten, sollen Kinder in der Grundschule eine gut lesbare Handschrift lernen und diese flüssig schreiben können. Die meisten Schüler lernen zuerst eine Druckschrift und ­danach eine Schreibschrift. Welche Häkchen und Buchstaben­verbindungen die Kinder am Ende schreiben, hängt davon ab, wo sie zur Schule gehen.

    Zur Auswahl stehen – je nach Bundesland – die 1953 eingeführte Lateinische Ausgangsschrift und die Vereinfachte Ausgangsschrift, deren Formen Druckbuchstaben ähneln. Außerdem gibt es noch die Schulausgangsschrift, die in der DDR entwickelt wurde, und die Grundschrift. Die Grundschrift ist die jüngste unter den bestehenden Schriftarten. Welche Schrift die beste ist, darüber streiten Experten seit Jahren.

 

 

Die meisten Kinder in Deutschland lernen zuerst eine Druckschrift und dann eine Schreibschrift – diese Umstellung bereitet einigen Kindern Probleme. Immer wieder wird zudem darüber diskutiert, Kindern ein Tablet in die Hand zu geben – statt ­eines Stifts. Aber selbst wenn ­heute weniger mit der Hand geschrieben wird als früher, ist die Handschrift nicht obsolet.

Schreiben hinterlässt Vernetzungen im Gehirn

Denn die Handschrift hilft beim Denken: So müssen zum Beispiel Sehareale ­Silben und Wörter erkennen und diese mit Lauten in Verbindung bringen. „Insgesamt zwölf Gehirnareale werden beim Schreiben aktiviert, das lässt moto­rische Gedächtnisspuren zurück, also Vernetzungen im Gehirn“, betont Diaz Meyer. Das zeigt auch die Forschung: Mit der Hand schreiben unterstützt das Erlernen von Buchstaben, so die US-Neurologinnen Karin James und Laura Engelhardt. Sie ließen Fünfjäh­rige Buchstaben schreiben beziehungsweise tippen. Das Ergebnis: Beim Schreiben mit der Hand lernten die Kinder schneller – die feinmotorische Aktivität hinterließ mehr Gedächtnisspuren als das Drücken auf eine Taste.

Kinder, die mit der Hand schreiben, denken besser

Auch beim Verarbeiten von Informationen ist es hilfreich, wenn Schüler mit der Hand mitschreiben statt Informationen in einen Computer zu tippen. Die US-Psychologin Pam Mueller von der Princeton-Universität spielte 65 Studenten Videofilme von Vorträgen vor. Die eine Hälfte sollte am Computer mitschreiben, die andere bekam ­Papier und Stift. Anschließend wurde abgefragt. Wenn es um pure Fakten ging, schnitten beide Gruppen etwa gleich gut ab. Doch wenn es um das ­Erklären von Zusammenhängen ging, waren die Studenten, die handschriftliche Aufzeichnungen gemacht hatten, besser. Der Grund: Beim Schreiben mit der Hand, das langsamer geht als das Tippen, mussten die Studenten das Wichtigste herausfiltern. Sie verarbeiteten das Gehörte offenbar besser als die Studenten, die am Computer arbeiteten.

Wenn die Handschrift läuft, läuft die Schule besser

Was man mit der Hand aufgeschrieben hat, kann man sich einfach ­besser merken. Diesen Effekt kennen viele vielleicht noch aus ihrer eigenen Schulzeit: Wer sich vor einer Prüfung hinsetzt und fein säuberlich den Lernstoff auf einem Spickzettel zusammenfasst, lernt ganz nebenbei den Inhalt und braucht die unzulässige Lernhilfe meist gar nicht mehr. „Wenn die Handschrift läuft, dann läuft alles andere in der Schule besser“, fasst Schulze Brüning zusammen. „Die Handschrift kann deshalb in der Grundschule gar nicht intensiv genug geübt werden.“



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