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„Multitasking kann man nicht trainieren, indem man multitaskt“

Lernforscher Martin Korte über Ablenkung, digitale Medien und die erstaunlichen Multitasking-Fähigkeiten buddhistischer Mönche


Professor Korte, ist es wirklich so schlecht um die Konzentration der Schüler bestellt, wie Lehrkräfte oft beklagen?

Es fällt Schülerinnen und Schülern schwerer als früher, sich längere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Sie sind sehr leicht ablenkbar, und es kostet sie enorme Anstrengung, wenn sie sich konzentrieren müssen. Das ist eine Beobachtung, die man empirisch belegen kann.

Woran liegt das?

Konzentrationsprobleme beobachtet man vor allem bei Kindern, die viel Zeit vor Bildschirmen verbringen, also vor Smartphones, Laptops, Tablets und dem Fernseher. Je mehr Zeit Kinder mit digitalen Medien verbringen, umso größer ist die Gefahr, dass ihr Konzentrationsvermögen leidet. Natürlich muss man schauen, wie sie diese Medien nutzen: Wer ein Tablet nutzt, um ein Buch zu lesen, dessen Konzentrationsvermögen leidet nicht. Die meisten Jugendlichen benutzen diese Medien aber so, dass sie ständig ihr Handy anhaben und auch immer schauen, ob Nachrichten eingehen, sodass ihr Gehirn die ganze Zeit im Alarmmodus ist.

Wenn das Handy an ist, bleibt das Gehirn ständig im AusnahmemodusProf. Martin Korte, Gehirnforscher

Was hat das für Auswirkungen auf das Gehirn?

Wenn das Gehirn schnell hin- und herwechseln möchte zwischen TikTok, einer WhatsApp-Nachricht, den Hausaufgaben und eingehenden E-Mails, dann sind mehrere Subprogramme offen – abgesehen von all den anderen Gedanken, die noch im Kopf herumschwirren. Das heißt, für die Hausaufgaben steht dann weniger Kapazität zur Verfügung.

Wie lässt sich das verhindern?

Man sollte seine Arbeitsumgebung so gestalten, dass nur die Dinge vor einem liegen, die man braucht. Das Handy sollte nicht nur ausgestellt sein, sondern ganz aus dem Gesichtsfeld entfernt werden, ebenso alle anderen Gegenstände, die man nicht braucht, weil die alle ein Ablenkungspotenzial haben.

Prof. Martin Korte, Neurobiologe und Lernforscher
Martin Korte ist Professor für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig. Einer seiner Schwerpunkte ist die Lernforschung. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter „Frisch im Kopf: Wie wir uns aus der digitalen Reizüberflutung befreien“ (DVA, 24 Euro*)

Abgelenkt werden die Kinder offenbar auch vom Schlafen. Lehrkräfte beklagen, dass heute viel mehr Schüler und Schülerinnen übermüdet im Unterricht sitzen.

Das kann daran liegen, dass viele Kinder abends noch ihre Handys benutzen. Die Bildschirme haben einen hohen Blauanteil. Blauanteil bedeutet aufgehende Sonne – das Einschlafen verzögert sich. Aber selbst wenn Jugendliche den Bildschirm auf den Nachtmodus stellen, kommen noch emotional aufregende Nachrichten rein, ein Like oder eben kein Like. Das alles ist aufwühlend, und die jungen Leute schlafen später ein. Das wirkt sich natürlich negativ auf die Konzentration aus.

Also besser das Handy rechtzeitig vorm Schlafengehen ausstellen. Was könnte sonst helfen, um besser bei der Sache bleiben zu können?

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist: Das Konzentrationsvermögen hängt auch von der Motivation ab. Das ist eine Frage der Biochemie des Gehirns. Sobald Motivation, sobald Neugierde geweckt wird, wird der Botenstoff Dopamin ausgeschüttet. Dieser Stoff führt im Stirnlappen dazu, dass das Konzentrationsvermögen gestärkt wird. Das bedeutet für Lehrkräfte, dass man einen Teil des Unterrichts darauf verwenden sollte, Kindern zu erklären, warum ein Thema wichtig ist.

Die Welt ist schneller geworden. Man könnte doch auch sagen: Die Kinder passen sich einfach nur den Begebenheiten an.

Tatsächlich muss man heute oft schnell zwischen Situationen hin- und herwechseln. Aber wer kann das am besten? Das sind buddhistische Mönche, die sieben oder acht Stunden am Tag meditieren. Wenn die sich in eine Situation begeben, in der sie schnell entscheiden und sich noch konzentrieren müssen, dann schneiden sie deutlich besser ab als Digital Natives. Multitasking kann man also nicht trainieren, indem man multitaskt. Ich bin prinzipiell nicht dagegen, dass man digitale Medien verwendet. Aber die Frage ist: Wie reagiert man auf die Entwicklung? Die Lösung besteht darin, tatsächlich sehr altbacken längere Zeit einer Aufgabe zu folgen, zum Beispiel immer wieder längere Texte zu lesen. Das steigert die Konzentrationsfähigkeit, und man kommt auch beim Multitasking besser zurecht.

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Lernforscher Martin Korte: „Multitasking kann man nicht trainieren, indem man multitaskt.“  – Fotos: freepik, privat



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