Denken & Diskutieren

Inklusion – Revolution mit Ansage

Behinderte, lernschwache, verhaltensauffällige, normal und hochbegabte Kinder lernen künftig gemeinsam. So will es das Gesetz, das nennt man Inklusion. Doch kaum eine Schule ist auf die neue Vielfalt vorbereitet. Was kommt da wirklich auf Eltern und Lehrer zu?


Berg Fidel ist nicht die Regel, sondern die Ausnahme, man könnte auch sagen: das Paradies. Wer die Grundschule in Münster besucht, verlässt sie nicht, ohne berührt zu sein: So schön also kann das Leben sein. Das von Schülern, das von Lehrern, das von Eltern.

Was nicht wenige befremdet, in Berg Fidel gelingt es vorbildlich: Hier lernt beispielsweise ein Down-Syndrom-Kind in einer Klasse mit einem schwerhörigen, mit lernschwachen, unruhigen und normal bis sehr begabten Klassenkameraden. Und? Das klappt ganz hervorragend, seit fast 30 Jahren. Man weiß hier, was jedes einzelne Kind braucht, bemerkt Fortschritte und begleitet es auf dem Weg zur nächsten Herausforderung. Jedes einzelne.

2014-3_Inklusion_GrafikDas schafft ein Lehrer nicht allein. Ein Pädagoge – 28 Kinder? Ein Ding der Unmöglichkeit bei sogenannten inklusiven Konzepten, die bewusst sehr unterschiedliche Schüler in einer Klasse vereinen. In Berg Fidel setzt man pro Klasse auf Teams aus Lehrern, pädagogischen Mitarbeitern und den persönlichen Integrationskräften, die gehandicapten Kindern als Begleiter zustehen – aber gleichzeitig bei allen Schulkindern bekannt und von ihnen akzeptiert sind. Im Idealfall stehen in der Klasse für die 24 Kinder acht Erwachsene als Ansprechpartner und Helfer zur Verfügung. Je nach Fachunterricht kommen weitere Lehrer dazu, außerdem arbeitet derzeit eine Lehramtsanwärterin mit, deren Vierbeiner das Prädikat Klassenhund trägt.

Was Berg Fidel auszeichnet, soll bald im ganzen Land Wirklichkeit werden: Unter dem Stichwort Inklusion werden zukünftig behinderte, verhaltensgestörte oder lernschwache Kinder ins reguläre Schulsystem einbezogen. Deutschland folgt damit der UN-Behindertenrechtskonvention, die den Schülern dieses Recht zusichert. In den meisten Ländern der Welt werden Behinderte schon heute inklusiv unterrichtet. Doch hierzulande verfügen die meisten Schulen nicht über dieselben Mittel wie die Münsteraner Modellschule. Deshalb sind viele Lehrer bereits alarmiert, die meisten Eltern haben es hingegen noch nicht mitbekommen oder nicht so recht verstanden.

Gegen diesen Wandel waren Reformen wie das G8 ein Tintenklecks. Hier geht es um eine Revolution

Zahlen und Fakten

  • 365 719 Schüler mit Förderbedarf besuchen in Deutschland Sonderschulen. 121 999 weitere Kinder mit attestiertem Förderbedarf lernen an Regelschulen

  • Was ist Inklusion?
    Inklusion (lat. Dazugehörigkeit/Einschluss) ist die konsequente Weiterführung von Integration. Integration bedeutet, Menschen nachträglich einzugliedern. Inklusion betont dagegen die Normalität der Unterschiedlichkeit. Inklusive pädagogische Konzepte wollen von Anfang an Bedingungen bieten, die allen Kindern gleichermaßen zugutekommen. Niemand soll vom gemeinsamen Lernen und Leben ausgeschlossen werden.

  • UN-Behindertenrechtskonvention
    Am 13. Dezember 2006 verabschiedete die UN-Generalversammlung das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Seit dem 26. März 2009 gilt die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland. Die Konvention verpflichtet die Vertragsstaaten, Behinderten eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft zur ermöglichen.

  • Konsequenzen für Schule, Eltern und Kinder
    In der Konvention heißt es zum Bereich Bildung: „Die Vertragsstaaten gewährleisten ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen (. . .)“ Das bedeutet: Jedes Kind hat das Recht, in eine Regelschule zu gehen. Verweigert die Schule die Aufnahme, können die Eltern klagen. Das Problem vieler Schulen: Sie werden mit der neuen Rechtslage – und den neuen Schülern – häufig allein gelassen. Zusätzliche Lehrkräfte bekommen sie nur selten genehmigt.

Eine Revolution bahnt sich an mit ungewissem Ausgang: Die deutschen Schulen müssen einen Wandel vollziehen, gegen den Reformen wie das G8 Tintenkleckse waren. Jedes Kind hat künftig das Recht, in eine Regelschule aufgenommen zu werden, egal, ob es lern-, körper-, seh- oder geistig behindert ist. Wenn sich eine Schule sträubt, was häufig der Fall ist, dann können Eltern dieses Recht einklagen. So sitzt vielleicht im nächs­ten Schuljahr ein Kind mit besonderem Förderbedarf in der Klasse Ihrer Tochter oder Ihres Sohnes.

Konsequent zu Ende gedacht, geht es hier im Wortsinn um eine Schule für alle. Niemand darf und kann mehr nach unten aussortiert werden. Alle sind willkommen! Nicht nur konservative Politiker, die immer wieder vor der „Einheitsschule“ warnen, sind da skeptisch: Wenn jeder mitgezogen wird, werden dann die Cleveren, die Ambitionierten, die von klein auf Geförderten zu kurz kommen, also weit unter ihren Möglichkeiten bleiben?

Förmlich eingetrichtert wurde uns Eltern, dass der Schlüssel für eine aussichtsreiche Zukunft im Schulerfolg liegt. Werden unsere Kinder erfolgreich sein können, wenn sie, statt sich mit den Besten zu messen, ständig auf die Schwachen Rücksicht nehmen müssen? Und die, welche bislang an Förderschulen lernten, können sie überhaupt mithalten? Kann man sich an einem Ort wohlfühlen, an dem man ständig überfordert ist?

7.50 Uhr an einem Donnerstagmorgen in Münster. Michel* sitzt neben dem Aquarium und bearbeitet sein „Lies mal!“-Heft, Hatice und Anne rechnen schon seit einer Viertelstunde im Unterrichtsraum nebenan. Adrian greift noch schnell die Kunststoffgiraffe aus dem Regal, die er für seinen Vortrag über Zootiere braucht.

Die Klassenleiterin Barbara Wenders sitzt am runden Tisch gleich hinter der Eingangstür. Hier wird jedes Kind einzeln begrüßt: „Good morning, Sabia, wie geht es dir? Guten Morgen, Tom, gibst du mir mal deine Mappe? Zoe, bist du fit? Dann geh rüber zu Herrn Stähling zum Rechnen.“ Offiziell fängt der Unterricht in den neun Klassen erst in zehn Minuten an, doch in der „Sonnenblumenklasse“, bei den Kollegen von den Delfinen oder Igeln dürfen die Kinder schon ab halb acht lernen.

Zeit ermogeln, also früher anfangen, gehört hier zum Konzept.Reinhard Stähling, Rektor Berg Fidel

„Zeit ermogeln“, erklärt Schulleiter Dr. Reinhard Stähling, gehört hier zum Konzept – wie vieles andere, was die inklusive Gemeinschaftsgrundschule so besonders macht. Rund 200 Kinder aus mehr als 30 verschiedenen Nationen lernen in altersgemischten Klassen. Etwa einem Viertel von ihnen wurde sonderpädagogischer Förderbedarf bescheinigt. Manche haben körperliche oder geistige Behinderungen, andere sind traumatisiert, weil sie aus Kriegsgebieten kommen. Viele sprechen schlecht Deutsch. Manche Kinder haben Eltern, die in keiner Sprache lesen und schreiben können.

Je bunter und unterschiedlicher ihre Klientel, umso schwerer haben es die Lehrer – so die gängige Meinung. Beispiel Bremen. In der Hansestadt ist man in Sachen Inklusion besonders ehrgeizig, doch die Schulen sind meist nicht so gut ausgestattet wie die Grundschule Berg Fidel. Bereits mehr als die Hälfte aller Schüler mit Förderbedarf lernen an Regelschulen. Bestehende Förderzentren werden bis 2017 abgeschafft. Nur Sonderschulen für Körperbehinderte soll es erst einmal weiterhin geben.

Fragt man dort Lehrer nach Inklusion, so erzählen sie vom „ganz normalen Wahnsinn“. Jedenfalls wenn sie nicht gerade an einer Modellschule arbeiten. So kann der Inklusionsalltag auch aussehen: Ein todkranker Schüler erhält von der Mutter regelmäßig Infusionen im Kopierraum nebenan. Ein zweiter rastet gern aus. Ein dritter macht ständig nervtötende Geräusche mit dem Mund. Ein vierter ist Autist. Ein fünfter hat Eltern, die sich dauernd bei der Schulleitung beschweren, dass die Klasse im Stoff so weit hinterherhinkt. Verständlich, dass der Lehrer „komplett am Rad dreht“. Unter seinen restlichen Schülern haben zwei Legasthenie, mindestens einer ADHS. Die Kinder gibt es nämlich auch noch: die mit zum Teil erheblichen Problemen, aber ohne ausgewiesenen Förderbedarf.

 

Zurück in Berg Fidel. Adrian ruft durch den Klassenraum und klatscht in die Hände: „Vortrag über Zootiere!“ Dass der Junge, der am Kabuki-Syndrom leidet, besondere Unterstützung braucht, ist amtlich. Wegen des seltenen Gendefekts spricht Adrian gelegentlich undeutlich und zappelt hin und wieder mit den Händen. Das hindert ihn aber nicht daran, flüssig und folgerichtig von Zookoordinatoren, Tierärzten oder Transportboxen zu berichten. Die letzten Monate hat er mit seiner Integrationshelferin Wajma, einer ausgebildeten Sozialpädagogin, immer wieder zu diesem Thema recherchiert. Jetzt steht er an der Tafel und präsentiert seine Ergebnisse, Vajma assistiert im Hintergrund: „Adrian, du wolltest den Kindern erklären, wie die Tiere in den Zoo kommen.“ Eine gute Viertelstunde dauert das Referat. Danach loben die Mitschüler: „Ich fand gut, dass du die Tierbilder so gut ausgeschnitten hast!“ Oder: „Du musstest gar nichts ablesen, sondern hast alles aus dem Kopf gesagt.“ Der zehnjährige Johannes meint: „Du warst so gut wie ein Viertklässler.“

Das Strahlen des jungen Referenten fangen Adrians Klassenkamerad Michel und dessen Integrationshelfer Martin mit der Videokamera ein. Während sie gemeinsam auf den kleinen Monitor starren, umarmt der Blondschopf gedankenverloren seinen Betreuer. Ein Wunder am Rande: Michel ist Autist. Normalerweise vermeidet er Körperkontakt. Vertrauen und Zuneigung nonverbal auszudrücken ist für ihn alles andere als selbstverständlich.

Inklusion, so sagen die Befürworter, baue die Brücke zwischen Familie und Umwelt. Und: Alle hätten etwas davon – die mit und die ohne Handicap. Doppelter Nutzen also: Behinderte Kinder lernen, selbstständig im Alltag zurechtzukommen. Nichtbehinderte verlieren die Scheu vor denen mit Einschränkung. Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen und anderen etwas zu erklären.

Und die Gegner? „Ich bin gegen die Abschaffung der Förderschulen, weil ein unglaubliches Spezialwissen verloren ginge. Ich bin skeptisch, dass jetzt allein der Elternwille entscheiden soll, auf welche Schule ein Kind geht“, sagt eine erfahrene Sonderschulpädagogin aus München. Wie so viele Kollegen möchte sie auch ihren Namen nicht veröffentlicht wissen. Die Debatte um die Inklusion wird ihr zu emotional geführt, und außerdem stünden „wir Sozialpädagogen doch unter Generalverdacht, nur unsere Pfründe sichern zu wollen“. Als Lehrerin, die unter anderem körperbehinderte Schüler an Regelschulen betreut, kennt sie Vor- und Nachteile der Inklusion. Manchmal sei die Regelschule ein Segen, manchmal aber seien Kinder auf der Förderschule eindeutig besser aufgehoben.

In Sachen Inklusion ist Bremen spitze

  • Die Inklusionsanteile geben an, wie ehrgeizig die Bundesländer beim Thema Inklusion in der Schule sind. In Bremen besuchen mehr als die Hälfte der Kinder mit Förderbedarf eine Regelschule. Beim Schlusslicht Niedersachsen sind es kaum mehr als zehn Prozent. Die Zahlen für ganz Deutschland: Zurzeit lernt jedes vierte Kind mit Förderbedarf in einer Regelschule.

  • Im europäischen Vergleich rangiert Deutschland bei der Inklusion in der Schule unter ferner liefen. Spitzenreiter ist Island mit einer Inklusionsrate von 96 Prozent, gefolgt von Ländern wie Malta (94 Prozent) oder Norwegen (85 Prozent). In Deutschland bremsen vor allem die konservativ geführten Bundesländer.

Der Rektor einer Blindenschule äußert sich ähnlich. Er befürchtet, dass sich behinderte Kinder in Regelklassen ausgeschlossen fühlen. Ob ein blinder 16-Jähriger von seinen Klassenkameraden in die Disco mitgenommen wird? Der Rektor, selbst gehandicapt, verneint. In der Bibliothek zeigt er auf Bücher, größer als Aktenordner. Allein „Harry Potter und die Heiligtümer der Todes“ umfasst sieben riesige Bände. „Welche Regelschule kann sich solche teuren Bände für die Schulbücherei leis­ten?“, fragt der Rektor und gibt selbst die Antwort: „Keine.“ Es gehe immer nur ums Geld. Mit der Inklusion wolle sich die Politik doch nur die vermeintlich teuren Förderschulen sparen.

In Berg Fidel kochen sie auch nur mit Wasser, das allerdings im Team

Berg Fidel, wie eingangs erwähnt, ist Inklusionsparadies. Irgendwie schafft man es dort, alle Möglichkeiten der Hilfe auszuschöpfen. Andere Schulen sind da nicht so erfolgreich. Sie klagen beispielsweise, dringend benötigte Integrationskräfte würden nicht bewilligt oder Stellen könnten häufig nicht mit geeignetem Personal besetzt werden. Nicht selten, so berichtet die Sonderpädagogin aus München, seien Integrationskräfte keine Hilfe, sondern eine zusätzliche Herausforderung.

Lernen müssen nämlich auch Lehrer. Berg-Fidel-Rektor Stähling witzelt: „Wir arbeiten in alle Richtungen inklusiv.“ Selbst neue Lehrkräfte, die nie etwas mit Sonderpädagogik am Hut haben wollten, würden mit offenen Armen aufgenommen. Sie kommen, sehen – und bleiben. „Dabei kochen wir hier auch nur mit Wasser“, verrät Stähling. Allerdings gemeinsam im Team, das ist wohl das Geheimnis. Jedes Teammitglied bringt seine eigene Perspektive ein, das ist ein Vorteil. Einer von zahlreichen anderen: Ein Brocken, verteilt auf viele Schultern, entlastet den Einzelnen, verschafft Luft, macht frei und zufrieden. Regelmäßige Supervisionen und Teamtage, an denen man sich ausspricht und die Marschrichtung für die nächste Zeit festlegt, gehören für die Lehrer ebenso zum Alltag wie für die Kinder individuelle Förderung. Jeder Schüler hat unterschiedliche Aufgaben und Ziele, jeden Tag.

Das ist auch der Grund, warum Eltern von begabten und zum Teil auch sehr begabten Schülern in Berg Fidel mitnichten den Eindruck haben, dass ihre Kinder zu kurz kommen. Wie etwa der Medizinwissenschaftler Frank Brunsmann und seine Frau. Die beiden wählten Berg Fidel aus drei Gründen: „Weil wir im Stadtteil wohnen. Weil wir dachten, das kann gut werden: Hier wird nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch soziales Lernen. Und weil die Lehrer von dem Konzept überzeugt sind.“ Ihre Zwillinge haben hier gern und gut gelernt, den Sprung aufs Gymnasium locker geschafft.

Diese Chance blieb David verwehrt. Der Junge, einer von vier Protagonisten in dem vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilm „Berg Fidel – eine Schule für alle“ (siehe Filmtipp rechts), ist mehrfach behindert, aber auch in mehrfacher Hinsicht ein Genie. Klassenkonferenzen leitet David souverän, seine Aufsätze können es an Spannung mit Kinderbuch-Bestsellern aufnehmen, seine wunderbaren Kompositionen erzeugen eine angenehme Gänsehaut. Trotz alledem wurde der Junge von zwei Gymnasien abgelehnt, schließlich bekam er einen Platz an einer Montessori-Schule. Man darf das ganz offen eine Schande nennen, eben weil Grund- und weiter-führende Schulen Kinder auf Grund ihrer Behinderung nicht mehr ablehnen dürfen.

Trotzdem wehren sich viele Schulen in der Praxis mit Händen und Füßen gegen die ungewohnte Klientel. Sie wissen häufig schlicht nicht, wie sie allen Schülern gerecht werden sollen. Und das hat Reinhard Stähling keine Ruhe gelassen. Ab diesem Schuljahr dürfen die Schüler in Berg Fidel deshalb bis zur zehnten Klasse zusammen lernen. Das reicht dem Rektor aber immer noch nicht: Er wünscht sich für seine neue gebundene, rhythmisierte Ganztagsschule mit Primar- und Sekundarstufe auch die Lizenz für die Oberstufe. Warum sollen die Schüler von Berg Fidel nicht auch das Abitur machen dürfen?

Die Einheitsschule: des einen Traum, des anderen Alptraum. Offiziell begrüßen alle Kultusministerien die Inklusion. In Wirklichkeit aber wissen alle, dass die Aufgaben immens und die Schwierigkeiten enorm sind. Vor allem die ohnehin belasteten Haupt- und Gesamtschulen müssen jetzt auch noch die Inklusion schultern, kaum zehn Prozent der inklusiv unterrichteten Förderschüler lernen an Realschulen oder Gymnasien.

Film-, Buch und Web-Tipps

  • Keine Kommentare, keine Belehrungen. Dieser Film wirkt allein durch den Charme und Witz seiner vier Protagonisten, alles Schüler der inklusiv arbeitenden Grundschule in Münster. „Berg Fidel – eine Schule für alle“ von Hella Wenders, DVD, 17,99 Euro

  • Auch für den Unterricht: Dieser Film über den Alltag einer Berliner Schule war der Bundeszentrale für politische Bildung ein Begleitheft zum Einsatz in Schulklassen wert. „Klassen­leben“ von Hubertus Siegert, DVD, 14,99 Euro

  • Mitreißender Erfahrungsbericht. „Du gehörst zu uns. Inklusive Grundschule“ von Reinhard Stähling, Schneider-­Verlag Hohen­gehren, 18 Euro

  • Grundlagenwerk von Tony Booth, bearbeitet für den deutschen Raum: www.montag-­stiftungen.de/jugend-­und-­gesellschaft.html

  • Lösungswege für Grundschulen in Sachen Inklusion: „Alle sind verschieden“ von Jutta Schöler. Beltz Verlag, 29,95 Euro

  • „InklusivKreativ“ heißt der Wettbewerb des AWO Bundesverbands und der Aktion Mensch. Schulklassen sowie Kinder- und Jugendgruppen können Ideen für eine inklusive Gesellschaft einreichen: www.inklusivkreativ.de. Kostenlose Bildungsmaterialien stehen unter www.aktion-­mensch.de/unterricht

  • Leitlinien zu Inklusion, Aktionspläne und mehr hat auch der Verein Gemeinsam leben – gemeinsam lernen Olpe plus e. V. zusammen­gestellt: www.inklusion-­olpe.de/literatur.php

Offene Kritik wagen die wenigsten. Mathias Brodkorb, SPD-Bildungsminister in Mecklenburg-Vorpommern, gehört zu den Skeptikern, die sich trauen. Er sagt, es sei „unmöglich“, dass „alle Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit demselben Lernstoff folgen“. Radikale Inklusion bezeichnet er als „Kommunismus für die Schule“. Was bringt die Zukunft? Womöglich ergeht es der Inklusion wie G8. Kaum gestartet, stecken geblieben. Zwar steigt der Anteil behinderter Kinder an Regelschulen stetig, doch beklagen die Sonderschulen keine Rückgänge. Wird nun bereitwilliger Förderbedarf diag­nostiziert, um das Doppelsystem Regelschulen einerseits und Sonderschulen andererseits zu zementieren?

Wie der Königsweg aussieht, weiß vermutlich niemand. Ob die Inklusions-Revolution gelingt, hängt von vielen Faktoren ab: Sind Sonderpädagogen und Lehrer bereit für die Inklusion? Ziehen die Eltern von behinderten und nicht behinderten Kindern an einem Strang? Bekommen die Schulen effiziente Unterstützung von der Politik? Oder werden sie allein gelassen – was im Moment häufig der Fall ist? Und: Wollen und können wir uns die Inklusion leisten? Was man bei der Diskussion um dieses Thema nie vergessen darf, bringt David, das kleine Genie, auf den Punkt: „Man sollte (Kindern) eigentlich nicht zeigen, wo ihre Schwächen sind“, sagt er, „man sollte ihnen ihre Stärken zeigen.“



Unsere Themen im Überblick

  1. von Juliane Fuchs

    Berg Fidel ist wirklich ein Paradies. Im Bamberger Schulalltag herrscht das Gegenteil: Da sitzt ein Kind mit geistigem Förderbedarf in einer ganz normalen Grundschulklasse und einen Vormittag in der Woche kommt eine pädagogische Fachkraft und kümmert sich um dieses Kind. Das ist alles. Bzw. das ist der Alltag der schulischen Inklusion.

  2. von Marco Hass

    Ängste und Bedenken blockieren vieles.
    Inklusion heißt auch die Wahlmöglichkeit zwischen Regel- UND Sondereinrichtung zu haben.
    Genau wie Demokratie benachteiligt eine allgemein gültige Vorgehensweise IMMER Minderheiten.
    Bei Menschen mit Behinderungen kann es nur individuelle Vorgehensweisen geben.
    Insgesamt sollte das Bildungssystem an sich infrage gestellt werden.
    Praktiker aus Erziehungswissenschaften, Psychologie, Pädagogik, Jugendämter, Eingliederungshilfe und Medizin sollen endlich fachübergreifend in einem Prozess des Austausches, Erkenntnisse zusammenführen, um daraus ein System der Bildung erwachsen lassen, dass für Politik als Leistungsbeschreibung und Auftrag eines Bildungskonzeptes sein muss.
    Die selben Denk- und Handlungsweisen der vergangenen Jahrzente, durch die viele Potentiale entstanden sind und sich entwickelt haben, kann nicht in der selben Denkweise gelöst werden.
    Denkt Neu! Denkt übergreifend! Vernetzt das Wissen vieler! Schafft Raum und Ressourcen für Austausch! kontakt@marcohass.de

  3. von Dorscheidt, Antoinette

    Als Integrationspädagogin bin ich selbstverständlich für die Inklusion, und zwar aus den Gründen, die von den Befürworter in Ihrem Artikel genannt werden. Kritikern, wie Mathias Brodkorb, SPD-Bildungsminister in Mecklenburg – Vorpommern möchte ich Folgendes sagen: „Sie meinen, dass es unmöglich sei, dass alle Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit demselben Lernstoff folgen.“ Aber wer sagt, dass alle Kinder demselben Lehrstoff folgen sollten? Es ist schon lange bekannt, auch und vor allem in den Bildungsministerien der Länder, dass nur ein gewisser Prozentsatz aller Kinder und Schüler in der Lage sind, den gleichen Lern- und Lehrstoff erfolgreich aufzunehmen. Die heutigen Lehr- und Lernmethoden sind deshalb auf die Individualität der Schüler, sowohl im kognitiven als im sozial-kreativen Bereich, ausgerichtet. Damit schließen sie wunderbar an die Unterschiedlichkeit der Kinder an. Ein autistisch Kind, dass hochbegabt ist, bekommt auf dieser Weise die Möglichkeit, unterschiedliche Lösungswege zu erforschen und zu kommunizieren. Sein soziales Defizit, er nimmt zum Beispiel nicht gerne an Gruppenaktivitäten teil und er ist nicht empfindlich für die Einhaltung allgemeiner Schulregeln, gleicht er aus durch seine extreme Ehrlichkeit den Lehrern gegenüber und dadurch, dass er gerne bereit ist, andern „normalen“ Kinder bei schwierigen Aufgaben zu helfen. Dieser Junge wäre trotz seiner ausgezeichneten kognitiven Fähigkeiten völlig untergegangen in einem Schulsystem, dass Kinder zwingt, sich einem festen inhaltlichen Unterrichtsplan zu unterwerfen.
    Ein anderes Kind, mit Downsyndrom, bekommt in der Regelschule die Chance, ihr hohes Mass an Menschenfreundlichkeit, Aufmerksamkeit, Lebensfreude, all dies in Verbindung mit einer nicht-behinderte Intelligenz!, in gute schulische Leistungen umzusetzen. Auch sie hätte keine Zukunftschancen, wenn sie an allererster Stelle als behindertes Kind gelten würde und nicht als Kind mit besonderen Eigenschaften. Es ist höchste Zeit, dass wir uns nicht mehr auf die Schwierigkeiten konzentrieren, sondern auf die Bereicherung, die Inklusion für uns alle bedeutet. Wir sollten die Schwierigkeiten weniger in den Behinderungen der Kinder suchen, als in der fehlenden Offenheit und Toleranz der Umwelt.
    Antoinette Dorscheidt
    Integrationspädagogin
    Lebenshilfe Koblenz e.v.

    • Als betroffene Mutter eines Kindes mit Asperger bin ich auch für die Inklusion, eigentlich. Ja eigentlich, Inklusion muss gut gemacht sein und Bedienstete der Schule müssten wissen, was das Wort bedeutet. In Hamburg werden Asperger Kinder der Regelschule verwiesen mit dem Hinweis eine Förderschule zu besuchen, dabei sind Asperger in der Regel schlau und können schulisch sogar das Abitur erreichen sofern man sie lässt. Aber es ist viel bequemer ihnen den Förderschulabschluss zu geben.Ist das gelungene Inklusion??? Ich denke mal nicht.

  4. Ich bin seit meiner Kindheit schwerhörig. Daher verbrachte ich von der 1.-10. Klasse auf einer Förderschule. Ich muss sagen, dass ich froh bin, dass ich dort war. Ich kann mir nicht vorstellen, in einer Klasse von mindestens 20 Kindern dem Unterricht folgen zu können. Selbst wenn ich vorne beim Lehrer gesessen hätte, hätte ich die Reihen hinter mir nicht verstehen können. In der Förderschule saß ich mit 8-10 Schülern in einem halben Kreis zusammen, sodass ich jeden sehr gut verstehen und somit dem Unterricht folgen konnte. Der Lehrer oder die Lehrerin war immer darauf bedacht, uns den Lernstoff genau zu vermitteln. Ich fühlte mich sehr wohl dort. Als ich in die Pubertät kam, schämte ich mich außerhalb der Schule für meine Behinderung und versuchte diese so gut es ging sie zu verbergen. Das brauchte ich in der Förderschule nicht, denn dort hatten ja alle das gleiche Handicap.
    Als ich meinen Abschluss erfolgreich abschloss, besuchte ich die „normale“ Berufsschule in der freien Wirtschaft. Ich saß mit 24 anderen Kolleginnen in einer Klasse zusammen, was für mich problematisch war. Ich habe entweder nur jedes zweite Wort verstanden oder die Lehrer haben zu schnell, zu leise oder genuschelt gesprochen. Bei Gruppenarbeiten war ich immer das letzte Rad am Wagen, weil meine Mitschüler schon viel weiter waren als ich. Ich hinkte irgendwie immer hinterher, was für mich immer richtig doof war. Viel Verständnis wurde mir von den Schülerinnen auch nicht entgegengebracht, im Gegenteil, ich wurde oft allein gelassen mit meinem Problem. Ich musste mit Mühe alles zu Hause nacharbeiten. Zum Glück hatte ich eine nette Lehrerin, die mir so gut es ging, half. Als ich meinen Abschluss geschafft habe, merkte ich, wie gut ich es doch in der Förderschule hatte, wo die Rahmenbedingungen für mich perfekt waren. Da war das Lernen viel entspannter und einfacher. Ich finde es schade, dass die Förderschulen aufgegeben werden sollen, obwohl es m.E. sehr gute Schulen sind, wo Kinder mit Handicaps viel besser unter besten Voraussetzungen lernen können.
    Alles andere ist nur Quälkram…

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