Was ist dran an…?

Appsolut überflüssig?

Bei Jugendlichen ist WhatsApp beliebter als Facebook. Triumph der Kommunikation oder Austausch von Sinnlosigkeiten?


Paulas Mama fackelt nie lang. Als sie neulich auf dem Handy ihrer zwölfjährigen Tochter das Programm WhatsApp entdeckte, hat sie es wenig später gelöscht. „Das dauernde Blinken, Brummen oder Gongen nervt sie. Und Botschaften wie ‚Hi, was macht ihr gerade?‘ findet meine Mama erst recht bescheuert“, bedauert Paula.

Dass die Smartphone-App, mit der sich Kurznachrichten, Fotos, Videos oder Sprachnachrichten schnell, bequem und kostengünstig austauschen lassen, unter zehn- bis 18-jährigen Schülern angesagter ist als Facebook, beeindruckt Paulas Mutter nicht. Auf dem nächsten Elternabend will sie dafür werben, dass die anderen Mütter und Väter ihrem Beispiel folgen und das digitale Treiben beenden. Über das Programm tauschen sämtliche Klassenkameraden von Paula Nichtigkeiten aus – via Gruppen-Chat. Die Jungs sind dabei weniger aktiv, die emsigsten Mädchen aber treiben die Nachrichtenflut innerhalb eines Tages schon mal auf mehr als 250 Einträge. Die Warnungen von Psychologen, der Umgang mit WhatsApp und Co. rufe „suchtähnliche Symptome“ hervor, bestätigt nur die Befürchtungen von Paulas Mutter. Sie sagt: „WhatsApp macht unsere Kinder krank und doof.“

Blödsinn. Behauptet zumindest Lia. Sie geht in Paulas Klasse und möchte mit ihren Klassenkameraden auch dann in Verbindung bleiben, wenn die letzte Stunde längst aus ist. Die Mädchen besuchen ein Gymnasium in der Münchner City. Die Schüler kommen aus allen Vierteln der Stadt und haben meist einen weiten Weg. Nur die wenigsten können sich nachmittags treffen. Wie soll man da in Kontakt bleiben?

Telefonieren sei „old school“, also total von gestern, meint Lia, da könne man gleich einen reitenden Boten mit einem Zettelchen losjagen oder eine Mail schicken. Messenger Dienste wie WhatsApp dagegen findet Lia ungeheuer praktisch. Vor Kurzem fehlte einer Klassenkameradin die nötige Badekappe für den Schwimmunterricht. Sie postete einen dürren Satz („Hilfe, hab keine Badekappe für morgen“) und konnte am nächsten Tag unter drei Modellen auswählen, die fürsorgliche Freundinnen ihr mitgebracht hatten.

Ein genehmigter Blick in die ChatVerläufe von Lia zeigt außerdem: Über Whats App werden Hausaufgaben geklärt, fotografierte Hefteinträge zum Abschreiben an kranke Mitschüler verschickt und das Schulleben organisiert. Was Lias Eltern bislang gar nicht wussten: Sowohl für die Arbeitsgemeinschaft Schülercafé („Ich backe Zitronenkuchen, wer bringt Brownies mit?“) als auch für die Schülermitverwaltung („Wann ist das Treffen noch mal?“) hat ihre Tochter eigene Gruppen-Chats.

WhatsApp in Zahlen

  • Bei Jugendlichen im Alter von zwölf bis 19 Jahren liegen Messenger wie WhatsApp auf dem
    1. Platz der Mediennutzung.

  • 50 Milliarden Nachrichten, Fotos, Videos und Sprach-memos werden am Tag über WhatsApp hin und her geschickt – genauso viele wie E-Mails.

  • Laut AGB ist WhatsApp ab 16 Jahren. Eine Alterskontrolle nimmt der Dienst aber nicht vor.

Derart geballte Medien- und Sozialkompetenz beeindruckt auch Paulas Mama, aber sie bleibt dabei: Über WhatsApp werde meist nur „Mist“ gepostet, und die Kinder stünden trotzdem unter dem Druck, so schnell wie möglich zu reagieren. Wer nicht mitmache, sei ein Außenseiter.

Von Generalverboten hält Medien-Profi Lia allerdings nichts. Nach einer ersten heißen Phase, in der tatsächlich jeder auf alles sofort antworte, reguliere sich die Sache von selbst. Und wenn nicht? Jene, die sich selbst keine Grenzen setzen können, brauchen vermutlich Regeln. „Nicht am Ess-tisch, nicht am Schreibtisch und nicht im Bett“, lautet Lias Vorschlag.

Die zwei Schülerinnen aus ihrer Klasse, die nicht mal ein Handy haben, müssen sich übrigens auch nicht von der Klassengemeinschaft ausgeschlossen fühlen. Wenn es ausnahmsweise wirklich mal etwas Wichtiges gibt, werden sie – ganz altmodisch – angerufen.



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