Homeschooling – Magazin SCHULE
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Homeschooling: „Den Streit brauch‘ ich nicht noch einmal“

Die meisten Eltern meinen, sie hätten die Corona-Krise gut bewältigt. Sind Sie auch der Meinung? Fünf Mütter erzählen über Frust und Freizeit, abgetauchte Lehrer und den Streit um die "megalangen Osterferien"


Deutlich weniger Zeit fürs Lernen, deutlich mehr Zeit vor dem Bildschirm: Das ist die sehr knappe Bilanz der vergangen Monate für unsere Kinder, die das Münchner ifo-Institut über die Zeit der Schulschließungen vorgelegt hat. Durchschnittlich nur noch dreieinhalb Stunden pro Tag, nicht einmal halb so viel wie vor der Corona-Krise, haben Schülerinnen und Schüler demnach für die Schule gearbeitet – dafür hingen sie mehr als fünf Stunden täglich zur Zerstreuung am Fernseher, Computer oder Handy.

Was hat die Corona-Pandemie mit Ihrer Familie gemacht?

Diese Frage haben wir Ihnen, den Magazin-SCHULE-Leserinnen und Lesern, vor vier Wochen gestellt. Gehören Sie zu den immerhin 86 Prozent der Familien, die laut ifo-Institut der Meinung sind, sie seien gut oder sogar sehr gut mit der Situation klar gekommen? Oder hat Sie die Pandemie an Ihre Grenzen gebracht? Hier sind ausgewählte Antworten, die zeigen, wie unterschiedlich die Situation in den Familien war:

 

  •  Alexandra, eine Tochter:

Uns ging es nicht besonders gut. Unsere Tochter, ein Einzelkind, steckt mitten in der Pubertät, und Corona und Pubertät vertragen sich nicht. Da sie auf eine Montessori-Schule geht, erstreckt sich ihr Freundeskreis auf einen Radius von bis zu knapp 50 km. Die Freunde trifft man nicht mal eben so… Die fehlenden sozialen Kontakte waren das Schlimmste.

Nach einigen Wochen hat sie ihre (wenigen) schulischen Aufgaben verweigert. Schule ist Schule und daheim ist daheim, da mach ich nichts für die Schule. Dabei kam da eh nicht viel, oft auch gar nichts. Ich habe selbst viel im Internet gestöbert, Arbeitsblätter und (Online-)Aufgaben für sie rausgesucht.

Ich war am Rande meiner Kräfte, mein Kind nur motzig

Ich selbst war am Rande meiner Kräfte, unser Kind nur motzig. Nach einem Gespräch mit der Lehrerin und deren Gespür meiner Verzweiflung – ich war oft den Tränen mehr als nahe, völlig erschöpft und verzweifelt – durfte meine Tochter in die Notbetreuung. Von da an ging es bergauf. Sie durfte wieder andere Kinder sehen, sie konnte in der Notbetreuung sehr gut arbeiten. Sie kam meistens fröhlich und zufrieden wieder heim. Nach den Pfingstferien ging für sie der Präsenzunterricht wieder los, immer Mittwoch, Donnerstag, Freitag. Das war nochmal ein weiteres Stück Erleichterung für uns alle.

Mich beunruhigt, dass so viele Menschen jetzt doch in den Urlaub fahren, und wenn man in die Städte schaut, so viele Menschen wieder eng an eng im Cafe etc. sitzen. Meine größte Befürchtung ist, dass die Schulen wieder schließen. Im kommenden Schulahr geht unsere Tochter in die 7. Klasse und hat somit keinen Anspruch mehr auf Notbetreuung, auch wenn ich „systemrelevant“ bin…

Davor habe ich Angst, dass wir wieder viel streiten. Ich bin entspannt, wenn sie eine Klasse wiederholt. Das stört mich überhaupt nicht, aber die Spannung, die daheim zwischen uns geherrscht hat, brauch ich nicht noch einmal.

Ich würde mir wünschen, dass die Lehrer öfters den Kontakt zu den SchülerInnen suchen und nicht die SchülerInnen ihre Lehrkräfte anrufen sollen. Andersrum sollte es sein. Die Notbetreuung sollte bei erneuter Schulschließung nicht nach der 6. Klasse enden, auch größere Kinder haben Probleme daheim. Die Vorgaben, wer aus welchen Gründen die Notbetreuung besuchen darf sollte überdacht werden. Erfahrungen von Betroffenen sollten hierbei mit einfließen und nicht nur von der Politik vorgegeben werden, die teilweise gar kein Verständnis für die Eltern haben, da sie selbst ja nicht betroffen sind …

 

  •  Steffi:

Wir haben gleich von Anfang an eine Routine eingeführt: „Schule“ von 8-12 Uhr, und meine Kinder haben mit mir einen Stundenplan geschrieben. Da stand zwar nur Mathe, Deutsch und Pause drin, aber so wussten sie welches Fach jetzt dran war. Die große Pause war auch immer mit 2. Frühstück und draußen Bewegen (meistens eine Runde mit dem Rad um den Block) verbunden.

Von 8 bis 12 Uhr war bei uns Schule

Einmal wollten wir von dieser täglichen Routine abweichen, so à la „Wir machen es heute wie ihr Lust drauf habt“, ohne Zeiten … das ging total in die Hose und alle waren genervt. Am nächsten Tag haben wir uns wieder an 8 bis 12 Uhr Schule gehalten (wie bei täglich grüßt das Murmeltier). So wurden die Wochenaufgaben von der Schule immer bearbeitet und es wurde nicht „sinnlos“ in den Tag gelebt. Mittags haben wir viel zusammen unternommen, Freizeit, die Kindern durften dann mehr oder weniger bestimmen was wir unternehmen. Auch wenn sie „nur“ einen Film anschauen wollten.

Ich habe in dieser Zeit sehr viel über das Lernverhalten meiner Kinder gelernt, aber auch festgestellt wie mir und meinen Kindern der soziale Kontakt mit Gleichgesinnten fehlte.

 

  •  Irene, zwei Kinder (15 und 18 Jahre):

Wir haben einen Garten ums Haus und die Kinder sind schon groß (15 und 18 Jahre), insofern hatten wir viele Probleme nicht oder in nur geringem Maße, unter denen andere Familien gelitten haben. Der jüngeren Tochter fiel es anfangs schwer zu verstehen, dass nach dem Schullockdown nicht einfach megalange Osterferien angefangen haben, sie ausschlafen oder Oma und Freunde besuchen konnte. Einige Zeit haben wir sehr darum gekämpft, dass sie morgens aufsteht und zum Frühstück kommt – mir war natürlich wichtig, dass sie an schulischen Dingen dran blieb, aber Schulaufgaben waren in unserem Bundesland bis nach den Osterferien „freiwillig“, so dass das Stellen und Bearbeiten der Aufgaben nur stockend in Gang kam.

Für das Treffen mit Freunden haben wir Regeln aufgestellt: Nur Freunde, die wir kennen und einigermaßen einschätzen können, nur draußen und mit Abstand (das weitgehend gute Wetter hat es möglich gemacht), keine größeren Gruppen (nicht nur wegen der Vorgaben, sondern auch, um die Entwicklung eines Gruppenzwanges zu vermeiden).

Inzwischen sind die Regeln wohl nicht mehr gut nachvollziehbar

Seit die Schule wieder losgegangen ist, ist die Notwendigkeit der Einhaltung dieser (und anderer) Regeln allerdings offenbar nicht mehr so gut nachvollziehbar, da im Bus und in der Schule ja auch viele andere Kinder und Jugendliche sind, der Abstand nicht immer eingehalten wird bzw. eingehalten werden kann – und nichts passiert. Auch der Wechsel von Schulwoche zu Nichtschulwoche zu Schulwoche ist nicht ohne, hat sie sich gerade an das eine gewöhnt, ist wieder das andere dran, es kommt keine Kontinuität zustande.

Unsere ältere Tochter ist bereits im Studium – sie ist erst einmal so lange wie möglich bei uns geblieben, doch als das Semester wieder losging, reichte hier auf dem Land das Internet nicht für Onlinevorlesungen und Co., zumal auch wir Erwachsenen zunehmend an Videokonferenzen teilnehmen sollten. Nolens volens ist sie in ihre Studentenbude zurückgekehrt: 12 Quadratmeter, kleines Bad, Küchenzeile, unterm Dach nach Westen (da war das gute Wetter nichts so günstig) – eindeutig nicht dafür gedacht, sein Leben fast ausschließlich hier zu verbringen.

Zudem waren viele Kommilitonen bei ihren Eltern geblieben, Mensa, Seminare, Kneipen sowie viele Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung geschlossen – es war also nichts mit dem fröhlichem Studentenleben. Ich habe aber den Eindruck, sie hat es in dieser Zeit ganz gut geschafft, sich den Alltag mit virtuellen Vorlesungen, Seminaren sowie der Vor- und Nacharbeit dazu zu strukturieren, auch wenn es nicht immer leicht war.

Jetzt hoffen wir auf eine Entspannung der Lage und eine weitere Normalisierung der Zustände – besonders des Schulbetriebes – nach den Sommerferien. Oder darauf, dass Homeschooling und Präsenzunterricht noch besser verzahnt und die digitalen Möglichkeiten hier draußen ausgebaut werden.

 

  •  Birgit, drei Kinder (7., 11. Klasse und Studium):

Wir sind eine Familie mit selbständigen Eltern im Tourismus und drei Kindern, eines im Studium in den Niederlanden, eines in der Q1 und einem geistig behinderten Kind in der 7. Klasse. Der Lockdown war für uns ein Schock. Bis jetzt haben wir in diesem Jahr keinen einzigen Cent verdient und das wird bis zum Ende des Jahres wohl auch so bleiben. Die Angst um die Existenz empfinden auch unsere beiden größeren Töchter. Wie unsere Zukunft in dieser Richtigung aussieht, wissen wir nicht.

Nur für unsere älteste Tochter, die in Maastricht studiert, war es eine Zeit mit klaren Ansagen und Aussichten. Maastricht hat nach einer Woche Schließung der Uni alles auf Online umgestellt mit der Aussage, dass dies bis zum Ende des Studienjahres so bleiben würde. Ganz anders das Rumgeeiere in den Schulen hier, in NRW. Die Unsicherheit, wie es weitergehen soll, hat unsere mittlere Tochter sehr belastet – und tut es auch jetzt noch.

Das Homeschooling brachte viele Tränen, Aufregung und Frust

Viele Tränen, Aufregung und Frust gabe es ob der sehr unterschiedlichen Art wie die Lehrer mit dem Homeschooling umgingen. Die einen meldeten sich überhaupt nicht. Andere gaben die Ansage: Ihr seid alt genug, Euch das selbst beizubringen, die Lösungen findet ihr auf der Lernplattform. Wieder andere gaben einen Berg von Aufgaben, eine Rückmeldung gab es nicht. Nur bei wenigen konnte man eine klare Linie im Stoff erkennen. Es waren auch sie, die eine Rückmeldung gaben oder ein persönliches Wort an die Schüler richteten. Angekündigt war, dass jeder Lehrer in der Zeit bis zu den Sommerferien einmal mit jedem Schüler telefoniert haben sollte – es gab keinen einzigen Anruf.

Fünf Tage Präsenzunterricht gab es für jeden Schüler. Meine Tochter gehörte zu allerersten Gruppe. Nach vier Schulstunden holte ich sie mit einem Nervenzusammenbruch in der Schule ab. Die Abstandsregelungen wurden kaum beachtet, selbst Lehrer hielten sich nicht an die Regeln. Zu wenig Stühle? Kein Problem. Setzt euch einfach hinten irgendwo dazu … Meine Tochter hat selbst Asthma, ihre kleine Schwester gehört mehrfach zu Risikogruppe. Ich habe sie freistellen lassen. Soziale Kontakte sanken damit endgültig auf ein Minimum, die Krisen nahmen zu.

Jetzt haben wir keinen Lockdown mehr, aber ist alles wie immer!? Masken im Geschäft – ob das allein reicht? Unsere Angst, vor allem für unsere kleine Tochter, ist unser ständiger Begleiter. Die Entscheidung ‚Was ist wichtiger, die sozialen Kontakte der Großen oder die Gesundheit der Kleinen?‘ steht immer im Raum. Eine große Belastung für unsere Großen.

 

  •  Margit, drei Kinder (4, 10 und 14 Jahre):

Die Corona-Zeit war für unsere Familie einfach nur super! Die Kinder konnten total abschalten. Waren wie ausgewechselt – im positiven Sinne! Kein Geheule und Gezicke vor den Schulaufgaben, kein Übertrittsstress mehr! Abends kein Bettgehstress! Morgens kein In-5-Minuten-geht-der-Bus-Stress!

Wir haben die Zeit genossen

Stattdessen stundenlang Drachen steigen lassen, im Sandkasten sitzen (machen auch 14-Jährige gern), auf Bäume klettern, Holz hacken (Ja, auch 10-Jährige können das!), Kuchen backen, ausreiten, spielen spielen spielen, lesen lesen lesen … Für die Mama kein Termin-Wahnsinn sondern einfach mal NIX!
Wir haben die Zeit genossen. Im Endeffekt wird es aber für uns weitergehen wie Vor-Corona! Der Terminkalender füllt sich langsam wieder…

 



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