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Linkshänder in der Schule: „An den Mythen ist nichts dran“

Zumindest werden sie heute nicht mehr als Hexen verbrannt: ein Gespräch mit Autorin Antje Tiefenthal über das schlechte Image von Linkshändern, deren heimlichen Vorteile beim Sport und wichtige Tipps, wie Eltern und Pädagogen betroffenen Kindern den Start ins Schulleben erleichtern können


Frau Tiefenthal, als Kind sollten Sie als Linkshänderin in der Schule die „schöne Hand nehmen“. Dabei ist die Händigkeit keine Wahl, sondern wird von den Gehirnhälften eines Menschen bestimmt. Was hat es damit auf sich?

Es ist in der Tat so, dass bei rechtshändigen Menschen Bewegungen und ­Koordination der rechten Hand von der linken Gehirnhälfte gesteu­ert werden. Bei Linkshändern ist es die rechte Gehirn­hälfte. Hände sind ja Präzisionsinstrumente, die den Menschen gegenüber anderen Lebe­wesen zum ­motorischen Überflieger machen. Eine Hand wird durch den intensiveren Gebrauch zur stärkeren und übernimmt den anspruchsvolleren Part bei Aufgaben, die beide ­Hände erfordern. Man spricht daher auch von der Handdominanz oder Handpräferenz.

Weshalb sind Linkshänderinnen und Linkshänder auf der Welt in der Minderheit?

Darauf hat die Wissenschaft keine Antwort. Generell ist davon auszugehen, dass zwischen zehn und 15 Prozent aller Menschen die linke Hand bevorzugen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass in bestimmten Regionen Linkshänder stärker vertreten sind. Früher tauchten viele ­Linkshänder nicht in der Statistik auf, weil sie zum Rechtshänder umgeschult wurden. Es gibt auch Beidhänder, bei denen die linke und rechte Hand gleich stark sind, diese Gruppe ist aber sehr selten. Häufiger als Beidhänder sind definitiv Gemischthänder – Menschen, die je nach Tätigkeit die Hand wechseln.

Im Mittelalter wurden linkshändige Frauen als Hexen verbrannt

Aber nur die Linkshändigkeit hatte lange einen schlechten Ruf.

Das manifestiert sich schon im Sprachgebrauch. Rechts ist gleich richtig. Links ist immer gegen die Fließrichtung. Linkisch ist ein Synonym für Unbeholfenheit. Auf die linke Tour verheißt nichts Gutes. Mit „Gib die schöne Hand“ wurden Kinder dazu angehalten, die rechte Hand zu geben. Einem Inder die linke Hand auf die Schulter zu legen, gilt als vollkommen unangebracht. Im Mittelalter wurden linkshändige Frauen, ähnlich wie rothaarige, sogar als Hexen verfolgt und verbrannt.

Heute werden Linkshänder gegenüber Rechtshändern vielfach für intelligenter und kreativer gehalten.

Rechtshänder sollen dagegen analytischer und logischer denken können. Lässt sich diese These stützen? Absolut nicht. Es gibt keine eindeutigen wissenschaftlichen Nachweise für linkshändertypische Eigenschaften oder Begabungen. Um die Linkshändigkeit kreisen viele Mythen und Halbwahrheiten, zum Beispiel auch, dass Linkshänder eine kürzere Lebenserwartung haben. Nichts davon ist haltbar.

Sind Linkshänder kreativ und Rechtshänder logisch? Absolut nicht

Lässt sich Handpräferenz eigentlich schon bei Babys erkennen?

Schon im Bauch der Mutter benutzen Embryos bevorzugt ­einen Daumen zum Nuckeln. Das sind die ersten Hinweise auf die Händigkeit. Später beim ­Greifen und Kritzeln benutzen Babys wechselseitig beide Hände. Erst später ab etwa zwei bis vier Jahren kristallisiert sich langsam heraus, ob wir es mit einem Rechts- oder Linkshänder zu tun haben.

Wie können Eltern und Pädagogen Linkshändern den Start in die Schule erleichtern?

Von der Praxis der gewaltsamen Umschulung auf die rechte Hand ist man mittlerweile ja Gott sei Dank abgekommen. In den meisten deutschen Lehrplänen ist ausdrücklich festgehalten, dass die angeborene Händigkeit in der Schule nicht umgeschult werden darf. Eltern sollten darauf achten, dass sich ihr linkshändiges Kind nicht die sogenannte Hakenschrift angewöhnt: Der Arm legt sich um das Blatt herum, die Hand verkrampft sich zum Haken, um von oben den Stift führen zu können, damit das Geschriebene auch gleichzeitig gelesen werden kann und nicht verschmiert. Das klingt nicht nur unbequem, das ist es auch. Ex-US-Präsident Barack ­Obama ist so ein hakenschreibender Linkshänder. Wer sich Fotos anschaut, wie Obama im Oval Office Dokumente ­signierte, bekommt schon vom Hinsehen Kopfschmerzen und Nackenverspannungen.

"Deine bessere Hälfte" von von Christiane Stenger und Antje Tiefenthal – Magazin SCHULE
Antje Tiefenthal sollte als Kind immer die „schöne“ Hand nehmen, bis die Grundschullehrerin eines Tages aufgab und sagte: „Na, dann schreib halt mit links.“ Seitdem ist sie Linkshänderin, schneidet Tomatensalat aber trotzdem mit rechts. Als freie Journalistin lebt und arbeitet sie Berlin. Zusammen mit ihrer Kollegin Christiane Stenger hat sie das Buch „Deine bessere Hälfte: Warum wir Rechts- und Linkshänder sind und was das für unser Leben bedeutet“ geschrieben. (Edel Books, 16,95 Euro)

Was hilft dabei, die Hakenschrift zu vermeiden?

Linkshändige Menschen brauchen am besten speziell auf ihre Bedürfnisse konzipierte Schreibutensilien. Dann haben linkshändige Kinder auch keine Probleme mit der Schönschrift. Auch auf die richtige Lage der Schreiboberfläche ist zu achten. Grundsätzlich sollte man versuchen, das Kind zu einer Schreibhaltung zu erziehen, bei der Buchstaben und Zahlen von unten nach oben geschrieben werden. So wird der Stift eher gezogen als geschoben. Vorzeige­beispiel ist ein anderer ehemaliger US-Präsident, Bill ­Clinton, ebenfalls ein Linkshänder.

Können Sie anhand des Schriftbildes erkennen, ob es sich um einen Links- oder Rechtshänder handelt?

Ich kann es nicht, aber auf das Schreiben spezialisierte Feinmotoriktherapeuten dürften das identifi­zieren ­können. Einen Experten auf diesem Gebiet haben wir auch bei der Recherche zu unserem Buch kennengelernt. Stimmt die Schreibhaltung nicht, ist die Handschrift eines Linkshänders eckiger, als sie sein sollte. Ich habe daraufhin mal meine Schriftstücke aus der Grundschulzeit angesehen und tatsächlich an den Os eine gewisse ­Eckigkeit festgestellt.

Links- bzw. Rechtshändigkeit beschränkt sich ja nicht nur auf die Hand, wie Sie in Ihrem Buch dokumentieren …

Die Händigkeit setzt sich beim Gehen, Sehen, Hören oder Riechen fort, also bei allem, was in unserem Körper paarweise angelegt ist. Eine Linkshänderin schießt mit einer ­höheren Wahrscheinlichkeit den Ball mit links, hört, sieht und riecht linksseitig besser.

Was ist beim Erlernen eines Musikinstruments zu beachten?

Der ungarische Pianist Gésa Losó fand erst zu seiner wahren Ausdrucksfähigkeit, nachdem er sich ein Linkshänderklavier anfertigen ließ. Wer von null anfängt, wird vermutlich gar nicht darunter leiden, dass sein Instrument eigentlich für die falsche Seite angelegt ist. ­Berühmte linkshändige Gitarristen wie Jimi Hendricks oder Paul McCartney haben ihre Saiten andersherum aufgezogen. Und die amerikanische Blues-Musi­kerin ­Elizabeth Cotten hat ihre Gitarre einfach umgedreht. Ihr Stil ist unter Musikern unter dem Namen „Cotten picking“ bekannt. Wenn man also weiß, dass sein Kind Linkshänder ist, hilft es, das zu berücksichtigen und mit dem ­Musiklehrer zu besprechen. Vielleicht gibt es von dem jewei­ligen Instrument eine ­Linkshänderversion, mit der sich das Kind am ­wohlsten fühlt.

Sind „Leftys“ beim Sport im Vorteil oder eher im Nachteil?

Bei Duellsportarten – wie Tischtennis, Tennis, Boxen oder Fechten – kann sich das vermeintliche Handicap ­tatsächlich als Vorteil erweisen. Das gilt auch für Fußball und Handball, wo sich die Gegner sehr nahekommen. Das liegt daran, dass es den Gegnern schwererfällt, die ­Bewegungen des linkshändigen Sportlers vorherzusehen. Auch bei Sportarten, bei denen es auf Schnelligkeit ankommt, sind Linkshänder im Vorteil, wie eine Studie gezeigt hat.

 

Linkshänder in der Schule: „An den Mythen ist nichts dran“ – Foto: jcomp/freepik



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